Mira wachte vor der Morgendämmerung auf, obwohl sie nicht sicher war, ob sie überhaupt geschlafen hatte.
Ihre Träume waren in bruchstückhaften Schüben gekommen, Schatten zwischen den Bäumen, Bernsteinblitze, Hitze, die über ihre Haut blühte, von keiner Quelle, die sie hätte nennen können. Jedes Geräusch draußen hatte sie jäh hochschrecken lassen, der Atem gefangen zwischen Angst und etwas, das fast Erwartung war.
Als die Berge von Schwarz zu Blau erblassten, gab sie die Ruhe auf.
Sie zog sich schnell an, schlüpfte in Stiefel, die noch kalt von gestern waren, griff nach dem notebook und trat hinaus in die dünne, eisige Luft.
Der Platz lag verlassen, die Stille zu vollkommen, als halte etwas den Atem an unter dem Morgen.
Geh einfach, sagte sie sich. Kopf freimachen. Sinn in gestern finden.
Aber ihre Gedanken kreisten um denselben unmöglichen Moment: seine Hand, die sich über ihre schloss, der Riss, der durch sie hindurchfuhr, die Art, wie er zurückgewichen war, zu schnell und zu scharf, als hätte ihre Berührung ihn verbrannt.
Und die Klauen. Wie sollte sie so tun, als hätte sie das nicht gesehen? „Ich weiß, was ich gesehen habe", flüsterte sie in die leere Luft.
Sie steuerte auf den Rand der Stadt zu, ihr Atem in schnellen weißen Wolken. Sie wollte nur den Ortsrand erreichen und das Gelände bei Tageslicht betrachten. Die Berge erhoben sich zu beiden Seiten, der Wald dahinter dunkel und still und alt.
An der Baumgrenze blieb sie stehen.
Der Wald stand vor ihr, gewaltig und wachend. Etwas tief in ihrer Brust flatterte. Geh nicht hinein, warnte eine Stimme. Leonal hat dir gesagt, du sollst fernbleiben.
Sie wollte sich gerade umdrehen, als ein Farbfleck ihr Auge traf.
Klein, kaum sichtbar gegen die Braun- und Grautöne des Unterholzes: ein Fetzen hellblauen Stoffs, der an einem Dornbusch wenige Schritte hinter den ersten Bäumen hing.
Sie erstarrte. Der Polizeibericht, den sie im Bus gelesen hatte: der letzte vermisste Wanderer, Davin, hatte eine blaue windbreaker getragen.
Sie musterte den Platz hinter sich. Leer. Wenn sie Leonal oder die Polizei holte, könnte der Wind den Fetzen forttragen, oder jemand anderes. Sie brauchte einen Beweis. Sie brauchte ein Foto.
Es sind fünf Schritte, überlegte sie, die Journalistin, die die Angst niederschrie. Rein und raus. Schnappen, zurück.
Sie atmete ein, umklammerte ihr Handy und überschritt die Grenze.

Das Blätterdach verschluckte das Licht sofort. Die Luft wurde schärfer, Kiefernharz und kalte Rinde und nasse Erde. Reif lag über dem Boden in dünnem Weiß, laut unter ihren Stiefeln.
Sie erreichte den Busch und löste den blauen Fetzen mit zitternden Fingern. Nylon. Zerrissen. Dunkel verfärbt mit etwas, das erschreckend nach getrocknetem Blut aussah.
Erwischt.
Sie drehte sich um zu gehen und blieb stehen.
Das Prickeln in ihrem Nacken flammte zu kalter Panik auf.
Ein leises Knacken hinter ihr. Ein Rascheln zu ihrer Linken. Ein zweites zu ihrer Rechten.
Umzingelten sie.
Ihr Puls raste.
„Hallo?", sagte sie, klein und töricht in all der Weite. „Ist da jemand?"
Ihre Stimme löste sich in den Bäumen auf.
Eine Gestalt trat zwischen den Stämmen hervor.
Ein Wolf. Enorm, Schultern schwer von Muskeln, Fell struppig, Augen leuchtend von einer Intelligenz, die dort nicht sein sollte. Sein Atem dampfte.
Ein zweiter Wolf erschien zu ihrer Rechten. Ein dritter hinter ihr, den Weg zur Stadt abschneidend.
Ihr Mund wurde trocken.
„Ich bin nicht—" Ihre Stimme zitterte. „Ich bin nicht hier, um etwas zu verletzen. Ich gehe nur durch."
Der nächste Wolf senkte den Kopf und knurrte, eine tiefe Vibration, die an ihren Knochen kratzte. Keine Warnung. Ein Versprechen.
Sie stolperte zurück, bis ihre Wirbelsäule die raue Rinde einer Kiefer traf. Ihr Herzschlag verschwomm ihre Sicht.
Der nächste Wolf stürzte vor.
Sie keuchte und riss die Arme hoch—
Ein schwarzer Schuss schoss zwischen sie, so schnell, dass sie es kaum erfassen konnte.
Ein Gebrüll, tief und wütend und nicht menschlich, zerriss die Luft. Der Wolf wurde mit knochenbrechender Wucht zur Seite geschleudert, jaulend, als er auf dem Boden aufschlug. Ein weiterer stürzte vor und traf auf Klauen und eine Stärke jenseits alles Sterblichen.
Mira sank auf die Knie und schützte ihren Kopf.
Aus dem Chaos erhob sich eine Gestalt, breit und dunkel und bebend von Gewalt.
Leonal. Aber nicht ganz Leonal.
Er war halb verwandelt, halb Mensch und halb Wolf, Alptraum und Majestät zugleich. Seine Schultern waren schwer geworden von Muskeln, sein Hemd zerfetzt von der Verwandlung, seine Hände besetzt mit langen tödlichen Klauen, die das spärliche Licht fing.
Er stellte sich zwischen sie und das Rudel.
„Bleib hinter mir", knurrte er, die Stimme grollend und rau.
Sie hätte sich nicht bewegen können, wenn sie es versucht hätte.
Die Wölfe zögerten. Sie kannten ihn. Fürchteten ihn. Aber Hunger oder Hass trieben sie weiter.
Einer stürzte tief. Leonal fing ihn mitten im Angriff, und der Kampf war schnell und brutal vorbei, ein Verschwimmen von Gewalt, das ihre Augen tränen ließ. Der letzte Wolf schlich in die Dunkelheit zurück, wimmernd, und ließ Blut auf dem Reif.
Stille, gebrochen nur von seinem keuchenden Atem.
Er schwankte. Langsam glitten seine Klauen in Finger zurück. Das Fell wich von seinen Armen und ließ menschliche Haut zurück, gerötet von Anstrengung.
Erst dann zwang sich Mira hoch, ihre Beine zitternd.
Er wandte sich ihr zu, die Augen noch immer golden brennend, wild.
„Mira", krächzte er.
Aber sie sah nicht auf sein Gesicht. Sie sah auf seinen Arm, wo ein Schmauch dunklen Bluts den Unterarm aus dem Kampf streifte. Er streckte die Hand aus, um sie zu stützen, und seine blutverschmierte Haut berührte ihr Handgelenk.
Die Reaktion war augenblicklich.
Hitze riss durch ihre Adern, blendend, tausendmal stärker als der Funke auf dem Platz. Es war Feuer und Schwerkraft zugleich, eine Detonation in ihrer Brust.
Sie taumelte, würgte nach Atem. „Was—" Sie krallte sich an ihre Brust. „Was ist—"
Leonal erstarrte, als hätte ihn ein Schlag getroffen. „Nein." Seine Stimme riss. „Nein, nicht das. Nicht jetzt."
Die Hitze brandete und verschlang sie. Ihr Sichtfeld tunnelte. Ihre Finger gruben sich in seinen Mantel, als ihre Knie nachgaben.
„Was geschieht mit mir?", keuchte sie, entsetzt von dem Wohl und dem Schmerz, der in ihrem Blut kämpfte.
Er fing sie auf, seine Arme stark und bebend von zurückgehaltener Gewalt. „Mein Blut hat deine Haut berührt", sagte er heiser. „Und für Wölfe ist Blut niemals harmlos."

Das Feuer vertiefte sich. Ihr Rücken bog sich gegen ihn, während die Hitze durch sie rollte, sie umschrieb bis in die Zellen.
„Das ist das mate-mark", presste er zwischen den Zähnen hervor. „Uralte. Unumkehrbar. Blut, das Blut ruft."
„Nein", flüsterte sie, kämpfte um Bewusstsein. „Ich habe das nicht gewählt—"
„Ich auch nicht." Sein Kiefer spannte sich, sein Gesicht zerrissen zwischen Schutz und Besitz. „Aber es ist zu spät."
Eine weitere Welle zog sie unter. Ihr Körper antwortete, als hätte er dieses Ritual seit seiner Geburt gekannt, selbst als ihr Verstand vor der Unmöglichkeit zurückwich.
„Mira", sagte er, dick vor Verzweiflung. „Du musst verstehen. Jeder Wolf in diesen Bergen wird das spüren. Sie werden es riechen."
Ein fernes Heulen erhob sich aus der Tiefe des Waldes. Nicht das eines Hundes. Älter. Wilder. Ein anderes antwortete, dann ein weiteres, ein Chor, der durch die Berge rollte und das Leuchtfeuer beantwortete, das nun unter ihrer Haut brannte.
Leonal zog sie fester an seine Brust.
„Von diesem Moment an", sagte er, seine Stimme bebend vor schrecklicher Endgültigkeit, „ist dein altes Leben vorbei. Du bist nicht mehr sicher."
Die Welt schwankte, kippte und wurde schwarz, als sie in den Armen des wolf king zusammenbrach.
