Der Schlaf kam nicht.
Seit sie gestern gegangen war und diesen demütigenden rosa Ball sowie das Echo einer widerwärtigen Frage zurückgelassen hatte, hatten sich seine Augen nicht mehr geschlossen. Die ganze Nacht über verwandelten sich die Schatten an der Wand von Grau zu Anthrazit und wieder zurück zu Grau und markierten so das Verstreichen der Zeit.
Das Warten zehrte die Stunden auf. Ein Teil seines Verstandes hoffte, dass sie nicht kommen würde – dass sie sich beschweren würde, was dazu führen würde, dass am Morgen irgendeine andere gesichtslose „Linda“ erscheinen würde, jemand, den man leicht durch Schweigen zermürben konnte. Ein grimmiges Gefühl der Genugtuung begleitete diesen Gedanken.
Aber ein anderer, kleinerer Teil wartete auf sie. Wartete darauf, sie hereinspazieren zu sehen. Wartete darauf, zu sehen, ob ein einziger Schlag sie gebrochen hatte.
Punkt neun Uhr drehte sich der Türgriff.
Sie trat ein.
Heute war der Schock von gestern verflogen. Die Verletzlichkeit war verschwunden. Gekleidet in denselben leuchtend pfingstrosenrosa Kasack, das Haar im selben unordentlichen Dutt, hatte sich ihr Gesicht verändert. Es war undurchdringlich. Das Lächeln von gestern war verschwunden, was seltsamerweise noch schlimmer war. Das hier war jetzt reine, destillierte Arbeit.
„Guten Morgen, Mr. Wilde.“ Ebenmäßig und kalt wie eine Marmorplatte, wartete ihre Stimme nicht auf eine Antwort. Ein Metallwagen klapperte an der Schwelle, als sie ihn hereinschob.
„Stehen Sie bitte auf. Wir beginnen mit der Beurteilung Ihres Bewegungsumfangs.“
„Ich kann nicht –“
„Ich habe nicht gefragt, ob Sie es können.“ Sie unterbrach ihn barsch und ordnete glänzende Metallinstrumente und Holzklötze auf einem Tisch an. „Ich sagte: ‚Stehen Sie auf.‘ Sie können stehen. Ihre Akte weist keine Schäden an den Beinen auf. Oder lügt Ihre Akte?“
Reines Eis überzog ihren Tonfall. Es traf ihn wie die Ohrfeige, die sie ihm gestern hätte verpassen sollen.
Krieg.
Die Erkenntnis traf ihn sofort. Gestern war Aufklärung. Heute begann der Krieg.
Langsam, mit einem Grollen in der Brust, warf er die Decke zurück und schwang die Beine auf den kalten Boden. Das Stehen fühlte sich nach den Tagen im Rollstuhl unsicher an. Die bandagierten Hände hingen wie nutzlose Gewichte an seinen Seiten.
„Ausgezeichnet.“ Ein Nicken ohne jede Emotion. „Nun heben Sie Ihren rechten Arm so hoch wie möglich.“
Die Hölle kam in Gestalt der ersten Stunde.
Sie war von Demütigung geprägt. Die einfachsten, idiotischsten Aufgaben wurden zu Bergen. Einen Arm heben. Einen Ellbogen beugen. Versuchen, ein Handgelenk zu drehen. Schmerz, scharf und brennend, schoss bei jedem Versuch von den Narben bis hinauf zur Schulter.
Mit dem Klemmbrett in der Hand machte sie sich Notizen. „Vierzig Grad Beugung. Schmerzgrenze bei dreißig. Notiert.“
Dann kamen die Übungen. Sie schüttete Holzklötze auf den Tisch und bereitete die Bühne für ein Kleinkinderspiel. „Heben Sie mit der rechten Hand einen Klotz auf und legen Sie ihn in diese Box.“
Zwei Kokons aus Gaze und Kompressionsstoff starrten zurück. Der Versuch, die Finger zu schließen, bewirkte gar nichts. Enge, taube, fremdartige Empfindungen. Er ließ die Hand sinken und starrte den Klotz an, als wäre er ein Feind.
„Versuchen Sie es, Mr. Wilde.“
Der Versuch fühlte sich wie Idiotie an. Die Finger weigerten sich zu gehorchen. Gegen den Klotz zu stupsen wie gegen einen Knopf, bewegte nichts. Ihn wie eine Krabbe aufschaufeln zu wollen, misslang.
„Nicht so.“ Ihre Stimme war gnadenlos. „Benutzen Sie den Pinzettengriff. Daumen und Zeigefinger. Konzentrieren Sie sich.“
„Ich kann nicht!“ Er knurrte, während die Hand wieder nutzlos vom glatten Holz abglitt.
„Sie können nicht, weil Sie wütend sind.“ Ohne die Stimme zu erheben, diagnostizierte sie das Problem. „Ihr Zorn ist im Moment Ihr Feind. Er blockiert die Signale Ihres Gehirns. Beruhigen Sie sich. Atmen Sie. Und versuchen Sie es noch einmal.“
Hass auf sie brannte in ihm.
Hass auf ihre Ruhe. Hass darauf, dass sie recht hatte. Hass auf ihren rosa Kasack, ihre klare Stimme, ihre verdammten Holzklötze. Hass darauf, dass sie seine Augen zwang zu sehen, was aus dem Golden Boy geworden war.
Als Nächstes kam das Frühstück. Eine Krankenschwester brachte das Tablett, doch Claire hielt sie auf. „Lassen Sie es stehen. Das ist Teil der Therapie.“
Als sie den Deckel abnahm, kam die Mahlzeit zum Vorschein. Haferbrei. Grau, klumpig. Und ein Löffel. Kein normaler Löffel, sondern einer mit einem dicken, lächerlichen Schaumstoffgriff.
„Sie müssen selbstständig essen.“
Der Anblick dieses Löffels löste eine neue Welle von Übelkeit aus. Tausend-Dollar-Messer waren durch diesen hässlichen Knüppel ersetzt worden.
Die Hand in den Schaumstoffgriff zu zwängen, fühlte sich ungelenk an. Das Schöpfen des Haferbreis führte dazu, dass die Hälfte davon wieder zurück in die Schüssel klatschte. Als er den Löffel zum Mund führte, während seine Hände vor Anstrengung zitterten, fiel der Haferbrei auf seinen Bademantel.
Heiße, wütende Scham überflutete ihn. Er erstarrte und starrte auf den grauen Klumpen auf seiner Brust.
„Sie haben gekleckert, Mr. Wilde.“ Eine sachliche Feststellung. „Versuchen Sie es noch einmal.“
Der Löffel flog. Er prallte gegen die Wand und fiel zu Boden. Der Haferbrei verteilte sich in einem Sprühregen.
„ICH WERDE NICHT!“ Er brüllte, seine Stimme überschlug sich. „ICH BIN KEIN KIND! ICH BIN KEIN ZIRKUSAFFE! RAUS HIER! VERSCHWINDEN SIE!“
Sie sah ihn an. Eine lange, schwere Sekunde lang. Die Erwartung von Angst, Wut oder Tränen hing in der Luft.
Ruhig bückte sie sich, hob den Löffel auf und warf ihn auf das Tablett.
„Die Sitzung ist beendet“, sagte sie. „Ich komme morgen wieder. Zur selben Zeit.“
Sie ging.
Die Einsamkeit kehrte zurück. Stille. Besiegt. Gebrochen. Gedemütigt durch eine Schüssel Haferbrei und einen Holzklotz. Während er im Sessel saß und auf den abkühlenden grauen Fleck auf seinem Bademantel starrte, war zum ersten Mal seit dem Feuer nicht der Zorn das vorherrschende Gefühl.
Sondern Verzweiflung.
Die Nacht kam wie ein Raubtier.
Der Schlaf holte sich den Körper, der von der Demütigung des Tages erschöpft war. Doch der Schlaf brachte keine Erleichterung. Er brachte die Erinnerung.
Zuerst kam der Geruch.
Nicht das Desinfektionsmittel. Nein. Dieser Geruch war ihm vertrauter als sein eigener Name. Verbrannter Zucker. Brennendes Karamell. So intensiv, dass man ihn fast schmecken konnte – süß, beißend, falsch.
Dann kam das Geräusch. Nicht das leise Summen des Krankenhauses, sondern ein gellendes, hohes Zischen. Wie eine Schlange. Das Zischen einer Gaskartusche, überhitzt und kurz vor der Explosion.
Zurück in der Küche des „Alchemy“.
„CHEF! FEUER!“
Rauch, dick und schwarz, quoll aus der Trockenvorratskammer. Panik stand den Köchen in den Augen. Flammen leckten am Edelstahl.
Und dann der Schrei.
„LUKE! HILF MIR! CHEF!“
Luke. Der su-chef. Er war noch ein Kind, erst neunzehn. Eingeschlossen in der Vorratskammer, beim Versuch, das Trüffelöl zu retten.
„ZURÜCK! ALLE ZURÜCK!“ Sein Brüllen ging im Getöse des Feuers unter.
Er griff nach einem nassen Tuch. Stürmte auf die Vorratskammer zu. Die Hitze war wie eine Wand. Sie küsste sein Gesicht, seine Hände. Das Zischen wurde lauter.
Er trat die Tür auf. Luke lag auf dem Boden und hustete. Er packte ihn am Kragen seiner Kochjacke.
„CHEF! DER TANK!“ Er schrie und zeigte auf den zischenden Propantank.
Er warf ihn aus der Vorratskammer in den Flur. „LAUF!“
Er wandte sich um, um ihm zu folgen.
Und in diesem Moment explodierte die Welt.
Er wachte schreiend auf.
Nicht in der Küche. Im Krankenhauszimmer, aber er stand immer noch in Flammen. Seine Hände! Gott, die Hände! Sie brannten. Das Feuer leckte an seiner Haut, schmolz sie dahin.
Er würgte. Verstrickt in Laken wie in ein Leichentuch. Nichts war zu sehen außer Flammenblitzen. Realität und Traum verschwammen. Der Schmerz blieb real.
„HILF MIR!“ Eine krächzende, fremde Stimme. „ES BRENNT! HILF MIR!“
Er wand sich im Bett und versuchte, die Laken wegzureißen, die sich wie eine brennende Kochjacke anfühlten. Gefangen. Allein. Sterbend.
Panik. Reine, animalische, alles verzehrende Panik.
Seine Hand schnellte vor und schlug gegen etwas Hartes an der Wand. Den Notrufknopf.
Er hämmerte darauf ein. Er drückte nicht, er schlug mit der ganzen Faust zu, immer und immer wieder, und legte all seinen Terror, all seine Angst in diesen Schlag.
Stille.
Und dann – das Klicken des Schlosses.
Die Tür flog auf und ließ eine Flut von grellem Flurlicht herein.
Das Licht blendete ihn und brannte die Überreste des Albtraums weg. Es verwandelte die Gestalt im Türrahmen in eine schwarze Silhouette.
Sie war es.
Claire.
Keine rosa Uniform. Ein einfaches graues T-Shirt und Jogginghosen. Das Haar offen, über die Schultern fallend. Keine Therapeutin. Nur ... ein Mensch.
Und ihr Gesicht, blass im harten Licht, war nicht von professioneller Ruhe erfüllt, sondern von purem, menschlichem Entsetzen.
