TaleSpace

Die Pfingstrose

Die Zeit blieb nicht einfach nur stehen; sie gerann.

Die Luft in Room 304 verdichtete sich zu einer zähflüssigen Substanz und machte das Atmen zu einer bewussten, mühsamen Anstrengung. Jadon Wildes Worte – was ist in dir zerbrochen, sunshine – verhallten nicht im Summen der Klimaanlage. Sie hingen im sterilen Licht, vibrierend mit einer toxischen Resonanz.

Das war kein plumper Schlag mit dem Knüppel. Es war ein Skalpellschnitt. Präzise. Tief. Gezielt auf die Femoralarterie.

Er hatte es gesehen. In dem Sekundenbruchteil, den sie gebraucht hatte, um ihr Gewicht vom linken auf den rechten Fuß zu verlagern, um den chronischen, stumpfen Schmerz im Sprungbein zu lindern, hatte dieser gebrochene, hasserfüllte Mann die sorgfältig konstruierte Architektur der "Senior Physical Therapist" demontiert. Nicht nur ein Hinken – er hatte die Geschichte dahinter gesehen. Er hatte einen Leidensgenossen identifiziert.

Das Blut wich ihr aus dem Gesicht und hinterließ eine kalte, gespannte Haut. Ein hohes Pfeifen begann in ihren Ohren, eine Phantomfrequenz, die die fernen Geräusche des Krankenhausflurs übertönte. Urinstinkte schrien danach, zurückzuweichen – einen Schritt zurückzutreten, die Verletzung zu verbergen, zu fliehen. Diesen lächerlichen pinkfarbenen Stressball in sein arrogantes, schönes, gequältes Gesicht zu schleudern und zu schreien, dass er gar nichts wusste.

Doch Bewegung war unmöglich. Sich zu bewegen, hätte den Treffer bestätigt. Zu reagieren, bedeutete zu bluten.

Atmen.

Ein Jahrzehnt der Disziplin erteilte den Befehl. Die Geister von Ballettmeistern, die marmorne Stillstille verlangten, während die Muskeln vor Qual schrien, flüsterten ihn ihr zu.

Kinn hoch. Schultern tief. Rippen rein. Du bist keine Person; du bist ein Gefäß der Beherrschung.

Die professionelle Maske rastete wieder ein; sie fühlte sich schwer an, wie aus Eisen, aber sie hielt. Teegrüne Augen blinzelten nicht. Sie bohrten sich in seine und trafen auf das kalte, triumphierende Feuer in seinem Blick. Er wartete auf ein Zucken, er lechzte danach. Er wollte sehen, wie der "sunshine" zerbrach, genau wie er die zwei Therapeuten vor ihr zerbrochen hatte. Er wollte den Beweis, dass jeder irgendwann zerbrach.

Heute würde er hungern.

Gespannte Stille dehnte sich aus, summend vor Elektrizität. Fünf Sekunden. Zehn. Lange genug, um ihn wissen zu lassen, dass sein Schlag gelandet war, aber kurz genug, um ihm die Genugtuung eines Zusammenbruchs zu verweigern.

Langsam, mit bedachter Anmut, streckte sie die Hand aus – nicht um zuzuschlagen, sondern um den pinkfarbenen Stressball auf den Nachttisch zu legen. Er landete mit einem weichen, spöttischen Poltern neben dem bandagierten Wrack seiner Hand.

"Ich bin morgen um neun wieder da, Mr. Wilde."

Die Stimme, die erklang, war nicht wiederzuerkennen; es war nicht das helle Klingen von vorhin. Ebenmäßig, kühl und vollkommen frei von Menschlichkeit, klang sie wie eine Tonbandaufnahme.

"Kommen Sie nicht zu spät."

Das Umdrehen erforderte ein Manöver, das mit militärischer Präzision ausgeführt wurde. Drehung auf der rechten Ferse. Die Hüften gerade halten. Die linke Seite nicht begünstigen.

Jeder Schritt zur Tür wurde zu einer Performance. Unter ihren Füßen fühlte sich der Linoleumboden wie ein Drahtseil an. In ihrem Nacken brannte sein Blick wie ein physisches Brandmal, wie ein Laserpointer, der ihre Wirbelsäule verfolgte und auf ein Stolpern wartete. Der Knöchel schrie gegen den unnatürlichen Gang an und jagte eine scharfe, heiße Nadel des Protests das Bein hinauf – doch der Schmerz wurde ignoriert. Er war nur Rauschen.

Die Tür klickte ins Schloss. Die Barriere stand.

Gedämpfte Betriebsamkeit erfüllte den Flur des Reha-Zentrums. Krankenschwestern in blauen Kasacks bewegten sich mit leisen Schritten; Kaffeegeruch wehte von der Station herüber und kämpfte gegen das Antiseptikum an. Eine Welt der Normalität umgab sie, vollkommen ahnungslos gegenüber der Gewalt, die sich gerade in Room 304 abgespielt hatte.

"Guten Abend, Claire."

Martha, die Nachtschwester vom Dienst, blickte von ihrem Monitor auf; ihr Gesicht war gezeichnet von den Linien tausender Nachtschichten.

"Guten Abend, Martha."

Die Lippen wölbten sich mechanisch nach oben. Die Muskeln um die Augen zogen sich zusammen. Eine perfekte Fälschung eines Lächelns. Martha blinzelte nicht; sie akzeptierte die Falschmünze ohne Fragen und wandte sich wieder ihren Akten zu.

Weitergehen. Vorbei am Wäscheschrank. Vorbei an Verkaufsautomaten, die mit elektrischer Gleichgültigkeit summten. Vorbei an den Aufzügen, wo eine Familie stand und "Gute Besserung"-Ballons hielt, die gegen die Decke stießen.

Mit einem fröhlichen Ding kam der Aufzug an. Die Türen gleiteten auf und gaben den Blick auf ein verspiegeltes Inneres frei.

Nein. Keine Spiegel. Nicht jetzt.

Sie drehte sich auf der Ferse um, ignorierte den Aufzug und steuerte die schwere Stahltür mit der Aufschrift TREPPENHAUS an. Ihre Hand stieß mit übermäßiger Kraft gegen die Druckstange.

Die Tür öffnete sich zu einem Betonschacht voller Stille und Staub und schlug hinter ihr zu; der schwere Hydraulikarm schloss die Welt mit einem entschiedenen Knall aus.

Die Performance war vorbei.

Die Rüstung zerfiel.

Die Stirn traf auf die kalte, grau gestrichene Betonwand. Die raue Textur biss sich in die Haut, ein erdendes Gefühl gegen den inneren freien Fall. Die Knie gaben nach, die Geschmeidigkeit war dahin, und ihr Körper rutschte an der Wand hinunter, bis sie auf den staubigen Stufen aufschlug.

Luft. Ihre Lungen brauchten Luft.

Ein abgehacktes, verzweifeltes Japsen markierte den ersten Atemzug. Ein Zittern begann in ihren Fingerspitzen und wanderte die Arme hinauf, bis ihre Schultern davon bebten. Sie legte die Hände vors Gesicht und presste sie fest gegen die Augenlider, um die Bilder wieder nach unten zu drücken.

Kaputtes Spielzeug.

Die Worte echoten im Treppenhaus, prallten vom Beton ab; sie waren nicht nur eine Beleidigung. Sie waren eine Diagnose.

Er war nicht nur ein Grobian mit einem verletzten Ego, er war aufmerksam. Er besaß das erschreckende, raubtierhafte Einfühlungsvermögen der Beschädigten. Er spürte nicht nur seinen eigenen Schmerz; er hatte ein Radar dafür bei anderen. Er hatte hinter den pfingstrosenfarbenen Kasack geblickt, hinter das Abzeichen der Senior Therapist, hinter den Optimismus, und er hatte die Trümmer gesehen.

Zehn Minuten.

So lange dauerte es, bis das Zittern zu einer stumpfen Vibration abklang. Schwere Stille erfüllte das Treppenhaus, es roch nach altem Staub und stehender Luft.

Aufzustehen fühlte sich wie eine Demütigung an. Das Adrenalin war verflogen und hatte den linken Knöchel steif und pochend zurückgelassen. Es war kein scharfer Schmerz mehr, sondern ein tiefer, mahlender Schmerz; die Knochen erinnerten sich an ein Trauma von vor sechs Jahren.

"Verdammt." Das Flüstern schnitt hart und kratzend durch die Stille.

Mit Hilfe des Geländers zog sie sich hoch. Gewicht auf den rechten Fuß. Test des linken. Er hielt, wenn auch widerwillig.

Rote Rücklichter verschwammen während der Heimfahrt auf dem regennassen Asphalt. Ihre Hände umklammerten das Lenkrad im Todesgriff, die Knöchel weiß. Das Radio blieb aus; in ihrem Kopf war es zu laut für Musik.

Wut begann den Schock abzulösen. Kalte, schwelende Hitze stieg in ihrer Brust auf. Wut auf ihn – für seine Grausamkeit, für seine Arroganz. Aber vor allem Wut auf sich selbst. Dafür, dass sie so durchschaubar war. Dafür, dass sie zugelassen hatte, dass ein Mann, der sich nicht einmal selbst füttern konnte, einen Treffer landete, der die Fassung eines Profis zertrümmerte. Dafür, dass sie eine so große, so sichtbare Zielscheibe bot, dass ein Fremder sie in fünf Minuten treffen konnte.

Am Rande der Stadt stand das Apartmenthaus als ruhiger Backsteinbau. Der Schlüssel drehte sich mit einem sanften, gut geölten Gleiten im Schloss.

Das Öffnen der Tür offenbarte einen Zufluchtsort der Kontrolle.

Klein. Makellos. Still.

Unordnung existierte hier nicht. Keine verirrte Post auf dem Konsolentisch. Keine im Flur abgestreiften Schuhe. Die Hartholzböden glänzten. Die Bücher in den Regalen waren nach Farben geordnet – ein Spektrum von Weiß bis Schwarz. Die Zierkissen auf dem beigen Sofa standen in präzisen 45-Grad-Winkeln.

Ein Museum eines Lebens. Ein Ort, an dem das Chaos keinen Zutritt hatte.

Die Tasche schlug mit einem schweren Knall auf den Boden und verursachte das einzige unordentliche Geräusch im Raum. Die Schuhe wurden mit den Zehen abgestreift und blieben leicht schief liegen. Eine Rebellion.

Ohne das Hauptlicht einzuschalten, nur geleitet vom Schein der Straßenlaternen, der durch die transparenten Vorhänge drang, steuerte sie die Küche an. Der Kühlschrank summte, ein vertrautes, erdendes Geräusch. Das Öffnen der Gefrierfachtür setzte eine Wolke aus eisigem Dampf frei.

Sie ignorierte die gefrorenen Erbsen und den einzelnen Becher Eiscreme und griff nach dem Stapel blauer Gel-Packs. Die Routine, die in ihr Muskelgedächtnis eingebrannt war, übernahm die Führung.

Zurück ins Wohnzimmer. Auf das Sofa. Das Hosenbein des Kasacks bis zum Knie hochgerollt.

Geschwollen. Für ein ungeübtes Auge nicht sichtbar deformiert, aber geschwollen. Eine dünne weiße Linie verlief entlang des Malleolus; das Narbengewebe schien im dämmrigen Licht zu leuchten.

Das Ice-Pack klatschte auf die Haut.

Ein Zischen.

Schockierend und augenblicklich schnitt das eisige Brennen durch den stumpfen Schmerz und ersetzte das Pochen durch einen scharfen, gefrierenden Biss. Der Kopf sank zurück in die Kissen, die Augen geschlossen.

Das war das Ritual. Die Buße. Der Preis dafür, durch die Welt zu gehen und vorzugeben, ganz zu sein.

In der Dunkelheit schweiften ihre Gedanken ab. Unwillkürlich, unvermeidlich. Nicht zu Jadon Wildes Gesicht, sondern weiter zurück. In ein Studio, das nach Kolophonium und Schweiß roch. Zum Quietschen von Satinschuhen auf Tanzböden.

Zu Monsieur Duval.

Die Bilder verblassten; akustische Erinnerungen übernahmen. Das Tap-Tap-Tap seines Stocks auf dem Boden. Die Stille von zwanzig Mädchen, die den Atem anhielten.

"Schwäche, Claire," flüsterte seine Stimme aus den Schatten des Raums. "Sie ist nicht nur ein Makel. Sie ist ein ästhetisches Verbrechen. Das Publikum zahlt nicht, um deine Anstrengung zu sehen. Sie zahlen, um Magie zu sehen. Wenn du zerbrochen bist, musst du die Bühne verlassen. Verunreinige meine Bühne nicht mit deiner Hässlichkeit."

Seine Worte verschmolzen mit Julians. Kaputtes Spielzeug.

Es waren die gleichen Männer. Genies. Tyrannen. Männer, die glaubten, ihr Talent gäbe ihnen ein göttliches Recht, jeden um sie herum zu verzehren. Männer, die Verletzlichkeit als persönliche Beleidigung betrachteten.

Jadon Wilde war nur ein weiterer Duval. Genauso brillant, genauso zerbrochen, genauso verängstigt von seiner eigenen Sterblichkeit.

Ihre Augen schnellten auf.

Ihr Blick fiel auf das Bücherregal in der Ecke. Auf den silbernen Rahmen, der leicht zur Wand gedreht war, als schämte er sich.

Sie streckte die Hand aus und drehte ihn ins Licht.

Neunzehn. Das Mädchen auf dem Foto schwebte mitten in der Luft, ein Grand Jeté, eingefangen am höchsten Punkt des Fluges. Ein strahlendes, triumphierendes Gesicht. Sie sah unbesiegbar aus. Sie sah aus, als würde sie niemals den Boden berühren.

Sie hatte keine Ahnung, dass drei Wochen später der Knochen mit einem Geräusch wie ein Gewehrschuss brechen würde und die Schwerkraft sie für immer einfordern würde.

Jahrelang hatte der Anblick dieses Fotos eine Welle von Übelkeit in ihr ausgelöst – die Trauer um das verlorene Leben, das Phantomschmerz-Syndrom einer amputierten Karriere.

Doch heute Abend, als sie das Mädchen auf dem Foto betrachtete, war Trauer nicht das Gefühl.

Sondern Trotz.

Dieses Mädchen hatte den Sturz überlebt. Sie hatte sich aus der Depression herausgeschleppt, weg von den Schmerzmitteln, aus der Identitätskrise. Sie hatte sich selbst wieder aufgebaut, Stein für Stein, Sehne für Sehne. Sie hatte gelernt, wie der Körper funktionierte, damit sie andere heilen konnte, wenn sie zerbrachen.

Jadon Wilde dachte, er sähe ein Opfer vor sich? Er dachte, er sähe ein "sunshine"-Mädchen, weich und naiv?

Er hatte keine Ahnung. Er war ein Tourist im Land des Schmerzes. Sie war dort ansässig.

Das Ice-Pack verlor seinen Biss und verwandelte sich in eine lauwarme Kompresse. Taubheit breitete sich im Knöchel aus.

Gut.

Sie warf das Eis auf den Couchtisch, stand auf und testete die Belastung. Die Taubheit hielt an.

Sie marschierte ins Schlafzimmer. Die Schranktür gleitete auf.

Darin hingen in einer ordentlichen Reihe die Uniformen. Blau. Grau. Und ein frisches Set in einem leuchtenden, aggressiven Pink.

Die Farbe einer Pfingstrose. Eine Blume, die schwer und chaotisch blühte, deren Wurzeln aber den härtesten Winter überstanden.

Jadon hasste die Farbe. Er hasste das Lächeln. Er hasste den Optimismus.

Perfekt.

Sie nahm den Kleiderbügel und fühlte den Stoff – fest, gestärkt. Er fühlte sich an wie eine Rüstung.

Daneben auf dem Regal lagen die weißen Socken und das Plastik-Namensschild: Claire Riley, Senior Physical Therapist.

Sie würde nicht um eine Versetzung bitten. Sie würde nicht Linda schicken. Sie würde ihn nicht gewinnen lassen.

Sie legte die Uniform auf den Stuhl und strich eine nicht vorhandene Falte glatt.

"Du willst etwas zerbrechen, Jadon?", flüsterte sie in den leeren Raum. "Versuch’s doch."

Morgen um neun.

Die Schlacht hatte begonnen.

Save your place — and your collection

Enter your email to keep your reading progress and add this book to your library 👇

4.9 von 5.700+ Lesern

Why do we ask for email?

  • We save your reading progress across devices
  • We'll resend your link if you ever lose it
  • New romance novels every week

We never spam — you can remove your email anytime.

Hast du schon ein Konto? Anmelden