Alisa wich zurück, bis ihr Rücken gegen die Regalwand prallte. Sie lehnte sich schwer gegen die Buchrücken der gebundenen Fachzeitschriften, während ihr Herz einen hektischen Rhythmus gegen ihre Rippen hämmerte. Ihr Mund war trocken und schmeckte nach Kupfer und Angst. Das eisige Gefühl in ihrer Brust wollte nicht weichen; es pulsierte im Takt ihres Herzschlags und sandte frische Wellen eines dumpfen, schmerzhaften Terrors durch ihre Glieder.
Das ist töricht. Das ist absurd. Du bist Wissenschaftlerin.
Sie schloss die Augen und zwang ihren rationalen Verstand, das Steuer zu übernehmen. Sie war Dr. Alisa Thoryn, Spezialistin für spät-europäische Ikonographie, eine Frau, die schon dutzendmal „verfluchte“ Gemälde und „besessene“ Reliquien entzaubert hatte. Sie ließ sich nicht von Zugluft erschrecken. Sie ließ sich nicht von alten Metallstücken ins Bockshorn jagen.
Davies hatte recht, flüsterte eine verräterische Stimme in ihrem Kopf. Du bist schwach. Du bist eine graue Maus. Du bist überarbeitet, stehst kurz vor einem Nervenzusammenbruch und bist dem Druck einer so bedeutenden Ausstellung absolut nicht gewachsen.
„Hör auf damit“, sagte sie laut. Ihre Stimme klang dünn und brüchig in dem stillen Büro. „Das ist eine Panikattacke. Mehr nicht.“
Es ergab Sinn. Die Bedrohung ihrer Karriere, die langen Arbeitsstunden, die Isolation, das Koffein – es war der perfekte Cocktail für einen körperlichen Zusammenbruch. Die Kälte war lediglich ein somatisches Symptom. Ein Kreislaufproblem, hervorgerufen durch Hyperventilation.
Sie zwang sich zu einem tiefen, schaudernden Atemzug und zählte bis fünf. Ein. Aus. Ein. Aus. Die Luft im Büro fühlte sich stickig an, schwer, wie die Atmosphäre vor einem Gewitter.
„Zu viel Kaffee“, murmelte sie, stieß sich vom Regal ab und straffte den Rücken. „Zu wenig Schlaf. Du brauchst Urlaub, Alisa.“
Rationalisierung. Das war ihr Anker. Das war ihre Superkraft. Sie begann, die Fakten aufzuzählen und errichtete eine Festung aus Logik, um die Angst in Schach zu halten.
Fakt: Silber ist ein hochleitfähiges Metall. Fakt: Das Restaurierungslabor wird auf kühlen 64 Grad Fahrenheit gehalten, um Schimmelbildung zu vermeiden. Fakt: Das Artefakt wurde wahrscheinlich unmittelbar bevor Tim es heraufbrachte, zur Schädlingsbekämpfung in einer Tiefkühleinheit gelagert.
Die Kälte war logisch. Es war Physik. Thermodynamik.
Das Grauen … das Grauen war ihr eigener Ballast. Es war ihre Angst vor Davies, ihre Angst vor dem Scheitern, ihre Angst, in der Bedeutungslosigkeit zu versinken.
Von der anderen Seite des Raumes aus betrachtete sie die Schachtel erneut. Das Medaillon lag dort, unbeweglich und vollkommen gewöhnlich. Es sah nicht magisch aus. Es sah schmutzig aus.
Reiß dich zusammen, Thoryn. Du hast einen Job zu erledigen. Wenn du das heute nicht katalogisierst, wird Davies es als Vorwand nutzen, um das Projekt abzublasen.
Entschlossen, fast schon wütend, ging sie zu ihrem Materialschrank. Sie holte eine frische, versiegelte Packung Nitrilhandschuhe heraus – die extrastarken. Mit einem lauten, demonstrativen Knallen streifte sie sie über, wobei sich der blaue Gummi an ihre feuchten Handflächen schmiegte. Eine Barriere. Schutz. Nicht nur vor Fetten und Säuren, sondern vor ihrer eigenen törichten Fantasie.
Sie kehrte zum Schreibtisch zurück. Sie streckte die Hand aus – diesmal ohne Zögern, weigerte sich, ihre Hand zittern zu lassen – und hob das Medaillon aus der Schachtel.
Es war schwer. Viel schwerer, als ein so kleines Objekt hätte sein dürfen. Es fühlte sich dicht an, wie ein kollabierter Stern. Die Handschuhe halfen nicht gegen die Kälte; sie biss erneut zu, wie ein Haifischzahn aus Frost, aber Alisa presste die Kiefer zusammen und ignorierte das Unbehagen. Sie legte das Artefakt auf ihre Gummi-Arbeitsmatte und positionierte es direkt unter dem hellen, unbarmherzigen Licht ihrer Halogen-Schreibtischlampe.
Sie nahm ihre Uhrmacherlupe und ihren Notizblock zur Hand und schaltete ihr digitales Diktiergerät ein.
Item 74-B. Silber, Granat. Provenienz: noch zu bestimmen. Zustand: Schlecht.
Sie begann zu diktieren, ihre Stimme klang professionell und gleichmäßig, wenn auch etwas atemlos.
„Der zentrale Stein ist vermutlich ein böhmischer Almandin-Granat“, sagte sie und beugte sich vor. „Stark beschädigt. Ein Haarriss verläuft diagonal über die Tafel des Edelsteins. Es gibt zahlreiche interne Einschlüsse, die die Reinheit beeinträchtigen. Der Schliff ist grob, möglicherweise vorindustriell ...“
Ihre Stimme verstarb. Die Worte erstarben in ihrer Kehle.
Während sie sprach, schien das eisige Grauen in ihrer Brust zu tauen und sich in etwas anderes zu verwandeln. In etwas Schwereres.
Eine Welle erdrückender Melancholie.
Das war nicht ihre eigene berufliche Enttäuschung. Das war nicht ihr Stress. Dies war ein fremder, bodenloser Kummer, ein Schmerz, so alt und gewaltig, dass es sich anfühlte, als könnte er die ganze Welt verschlingen. Er überrollte sie wie ein physischer Schlag und raubte ihr die Luft zum Atmen. Ihre Augen füllten sich mit plötzlichen, heißen Tränen. Sie umklammerte die Schreibtischkante, bis ihre Knöchel weiß hervortraten, und kämpfte gegen den Drang an, sich zusammenzukauern und zu schluchzen.
Was ist nur los mit mir?
Es fühlte sich an, als wäre jemand gestorben. Als hätte sie die Liebe ihres Lebens verloren, ihre Heimat, ihre eigene Seele. Es war eine Sehnsucht, so intensiv, dass sie körperlichen Schmerz verursachte.
Und in diesem Moment hörte sie es.
Kein Klopfen. Kein Knarren des arbeitenden Gebäudes.
Ein leises, kaum wahrnehmbares Geräusch. Ein Atemzug.
Es war der Seufzer einer Frau – klagend, müde und völlig hoffnungslos. Und er kam nicht vom Flur. Er erklang direkt hinter ihrer Schulter, nah genug, um die feinen Härchen in ihrem Nacken aufzustellen.
Alisa sprang auf und stieß dabei ihren ergonomischen Stuhl um. Er krachte laut gegen den Metallschrank, ein explosives Geräusch in der Stille.
„Wer ist da?“, schrie sie und wirbelte herum.
Ihre Stimme hallte von den Wänden wider. Das Büro war leer. Die Tür war immer noch geschlossen. Da war nichts außer den Staubkörnern, die im Licht der Lampe tanzten, und dem leisen, stetigen Summen des HVAC-Systems des Museums.
Die Lüftung, sagte sie sich verzweifelt. Es war die alte Klimaanlage. Das Gebäude war berüchtigt für seine seltsamen Geräusche. Rohre ächzten, Luft zischte durch schmale Schächte. Es hatte wie ein Seufzen geklungen. Das war alles. Pareidolie – das Gehirn, das aus zufälligen Geräuschen Muster bildet.
Doch ihr Herz weigerte sich, darauf zu hören. Die Präsenz im Raum fühlte sich dicht an, wie elektrisch aufgeladen. Sie fühlte sich … beobachtet.
Sie stand da, atmete schwer und suchte die Schatten in den Ecken des Raumes ab. Stille.
Langsam, und sich wie eine komplette Idiotin fühlend, stellte sie ihren Stuhl wieder auf. Tim hatte recht gehabt. Das Ding war unheimlich. Sie war verängstigt und benahm sich wie ein Kind, das nach einer Gruselgeschichte allein im Dunkeln gelassen wurde.
„Bring es einfach hinter dich, Alisa“, flüsterte sie sich selbst zu. „Katalogisieren, einpacken, in den Tresor. Geh nach Hause. Trink Wein.“
Sie setzte sich wieder, konnte den Blick jedoch nicht vom Medaillon abwenden. Es lag unter der Lampe und warf einen dunklen, scharfen Schatten, der sich nach ihr auszustrecken schien. Der Stein … sah er dunkler aus als noch vor einer Minute? Das trübe Rot schien sich verdichtet zu haben und wirbelte wie Rauch unter Glas. Er pulsierte, kaum sichtbar, im Takt ihres pochenden Kopfschmerzes.
Sie beugte sich näher vor, die Lupe in der Hand. Sie musste die Schnitzereien um den Stein herum untersuchen, um den Bericht fertigzustellen. Es waren keine floralen Muster, wie sie zuerst gedacht hatte. Es waren Symbole, fast abgenutzt durch Jahrhunderte des Reibens mit dem Daumen. Runen? Nein. Eine Chiffre?
Sie streckte erneut die Hand aus, da sie es drehen musste, damit das Licht auf den Rand fiel.
Ihr behandschuhter Finger schwebte über dem zentralen Stein.
Fass ihn nicht an.
Die Stimme in ihrem Kopf war klar wie ein Glockenschlag. Es war nicht ihr innerer Monolog. Es war ein Instinkt, eine Warnung ihres Reptiliengehirns, die GEFAHR schrie.
Es ist nur der Stress, argumentierte sie dagegen. Es ist ein Stein.
Sie hätte aufhören sollen. Sie hätte ihn zurück in die Schachtel legen, in den Tresor bringen und bis zum Morgen warten sollen.
Doch etwas in ihr – eine dunkle Neugier oder vielleicht die seltsame Anziehungskraft dieses fremden Kummers – rebellierte. Sie musste es wissen. Sie musste sich selbst beweisen, dass es nur ein Stück Metall und Siliziumdioxid war.
Gegen jede Vernunft, gegen den instinktiven, schreienden Terror, der ihren Atem stocken ließ, senkte sie ihren Finger und drückte ihn fest auf die Oberfläche des mattroten Steins.
Für eine Sekunde geschah nichts.
Und dann...
Feuer.
Es war nicht mehr kalt. Es war reine, sengende Hitze, konzentriert und bösartig. Es fühlte sich an, als hätte sie ihre Fingerspitze auf eine glühende Herdplatte gedrückt.
Alisa schrie auf, ein scharfer Laut aus Schock und Qual. Sie riss die Hand zurück, der Schmerz schoss ihren Arm hinauf bis zum Ellbogen und vibrierte in ihren Nerven. Sie riss sich den blauen Nitrilhandschuh vom Finger, wobei sie das Gummi in ihrer Hast zerriss, und starrte auf ihren Finger.
Dort, auf der Kuppe ihres Zeigefingers, erhob sich noch während sie zusah eine leuchtend rote Brandblase.
Eine Verbrennung.
Sie starrte auf ihre zitternde Hand, dann auf das Medaillon, das unschuldig auf der Matte lag und so leblos und kalt aussah wie ein Stein auf einem Friedhof. Ihre Gedanken rasten, die Zahnräder mahlten gegeneinander und versuchten, Fakten zu verknüpfen, die nicht zusammenpassen wollten.
Kalt. Heiß. Flüstern. Melancholie. Sie hatte sich verbrannt. Sie hatte sich an einem Objekt verbrannt, das vor Sekunden noch eiskalt gewesen war.
Die Logik der Welt, die Festung, die sie so sorgfältig errichtet hatte, zerfiel. Alisa dachte nicht nach. Sie analysierte nicht. Sie drehte sich einfach um und rannte weg, während sie das Medaillon wie ein blutiges Auge in der Mitte ihres Schreibtisches pulsieren ließ.
Sie hielt nicht an, bis sie draußen an der Nachtluft war und der Regen auf sie herabströmte, doch selbst dann konnte sie die Hitze noch immer spüren, die sich in ihre Seele gebrannt hatte.
