Julians Notiz änderte alles.
Sie gab Ellie ihr altes Gefühl der Unverwundbarkeit nicht zurück – diese Rüstung war endgültig durchbrochen, und sie wusste, dass sie nie wieder Kopfhörer mit demselben Gefühl absoluter Anonymität tragen konnte. Aber die Notiz bewirkte noch etwas anderes. Sie verwandelte einen feindseligen, beängstigenden Beobachter in einen... Verbündeten. Einen Komplizen.
Am Donnerstagmorgen ging Ellie mit einem neuen Gefühl zum The Rustling Page. Die Angst war verschwunden und wurde durch eine seltsame Aufregung ersetzt, die in ihrem Bauch vibrierte. Es war eine gewisse Befangenheit, aber die Befangenheit der Erwartung.
Sie betrat das Café um 8:05 Uhr. Jago war schon da. Er saß an seinem Tisch am Fenster, vertieft in seine Arbeit. Die Morgensonne spielte auf seinen Bauplänen. Ellie steuerte auf ihren Tisch am Ficus zu. Als sie an der Mitte des Raumes vorbeiging, geriet sie in sein Sichtfeld.
Er sah auf. Ellie erstarrte für eine Sekunde. Sie umklammerte den Riemen ihres Rucksacks, füllte ihre Lungen mit Luft und... nickte. Es war eine kaum wahrnehmbare Geste. Ein kurzes Neigen des Kopfes. Aber sie legte alles hinein: Ich habe deine Notiz erhalten. Danke. Wir sind keine Feinde.
Jago sah sie einen Moment lang an. Sein Gesicht blieb ernst, aber seine Augen... seine Augen wurden weicher. Er antwortete mit demselben kurzen, beherrschten Nicken. Angekommen.
Und das war alles. Er widmete sich wieder seinen Bauplänen. Sie ging zu ihrem Tisch.
Aber die Luft im Café hatte sich verändert. Die Spannung, die sie zwei Tage lang erstickt hatte, war weg. Jetzt fühlte es sich wie ein geheimer Pakt an. Zum ersten Mal seit einem Jahr fühlte Ellie sich nicht wie eine einsame Astronautin im freien Weltraum. Es gab einen anderen Menschen in diesem Café, der ihr Geheimnis kannte. Und dieser Mensch saß ebenfalls allein da und arbeitete in seiner eigenen, privaten Stille.
Ellie setzte sich. Sie legte ihre Sachen bereit. Sie betrachtete ihre Bose. Sie drehte sie in ihren Händen hin und her. Dann atmete sie entschlossen aus und setzte sie auf. Sie überprüfte die Bluetooth-Verbindung – sie war aus. Dreifach gecheckt. Ein Klick auf den Schalter. Der Lärm verschwand.
Oh, ein Wunder. Die Stille kehrte zurück, aber nun fühlte sie sich nicht mehr bedrückend an. Sie umhüllte sie. Ellie griff nach ihrem Stylus. Ihre Hand, die zwei Tage lang gezittert und nur Schmierereien produziert hatte, bewegte sich nun sicher und flüssig. Liam, der Junge, erhielt wieder ein Gesicht. Nino, der Vulkan, war kein Steinhaufen mehr, sondern wurde wieder zu einem mürrischen, aber gütigen Freund. Sie tauchte in die Arbeit ein, versank in einer Welt aus Zuckerwatte-Wolken und zimtduftenden Lavaströmen.
Sie arbeitete so konzentriert, dass sie das Zeitgefühl verlor. Eine Stunde, vielleicht anderthalb. Sie war im Flow.
Die Benachrichtigung bemerkte sie nicht sofort. Sie glitt lautlos und höflich in die obere rechte Ecke ihres Bildschirms, über das geöffnete Photoshop. Ellie war an Systembenachrichtigungen gewöhnt. Aber diese hier war anders.
„Julians MacBook Pro“ möchte eine Notiz per AirDrop mit dir teilen.
Ellies Herz blieb stehen, dann schlug es ihr irgendwo im Hals und dröhnte durch die Geräuschunterdrückung in ihren Ohren. Langsam sah sie auf. Jago saß mit dem Rücken zu ihr, drei Tische weiter. Er drehte sich nicht um. Er arbeitete. Er konnte ihren Bildschirm nicht sehen. Er sah sie nicht an.
Er tat es mit Absicht.
Warum? Ihre Gedanken rasten panisch. Um sie wieder zu necken? Um zu prüfen, ob ihr Bluetooth eingeschaltet war (sie hatte es für den Stylus aktiviert, aber vergessen, die AirDrop-Sichtbarkeit auszuschalten)? Aber das passte nicht zu dem Mann, der diese Notiz auf die Serviette geschrieben hatte. In Architektenhandschrift.
Ihr Finger schwebte über dem Trackpad. Der Cursor zitterte über den Schaltflächen. Annehmen oder Ablehnen.
Es war Wahnsinn. Es war ein Eindringen. Es war riskant. Aber die Neugier war stärker als die Angst.
Sie klickte auf Annehmen.
Sofort öffnete sich die Standard-App „Notizen“ auf ihrem Mac. Eine neue Datei erschien. Gelber Hintergrund, schwarzer Text.
Ellie beugte sich näher zum Bildschirm und hielt den Atem an.
Der Titel der Notiz war in einer Standardschrift getippt, aber die Worte... die Worte ließen ihre Wangen erröten, doch diesmal nicht vor Scham.
For Quiet Concentration (I Promise).
Und unter dem Titel, im Hauptteil der Notiz, stand nur eine einzige Zeile. Ein langer, blau unterstrichener Hyperlink. Er begann mit dem vertrauten open.spotify.com...
Ellie starrte auf den Link. Er hatte ihr eine Playlist geschickt. Der Mann, der sie dabei ertappt hatte, wie sie in der Stille saß, hatte ihr Musik geschickt. For Quiet Concentration. (I Promise).
Sie sah auf Julians Rücken. Er saß bewegungslos da, über seine Projekte gebeugt. Er wartete nicht auf eine Antwort. Er hatte es einfach... hiergelassen. Wie die Notiz auf der Serviette.
Ellie sah den Link wieder an. Ihr Finger zuckte. Sie klickte.
