TaleSpace

Die Entschuldigung auf der Serviette

Ellie wusste nicht mehr, wie sie das The Rustling Page verlassen hatte. Die letzten Minuten im Café verschwammen zu einem verschwommenen, schambesetzten Nebel. Sie glaubte, etwas gemurmelt zu haben – eine zusammenhanglose Aneinanderreihung von Lauten, die wohl „Entschuldigung“ oder „Ich muss gehen“ bedeuten sollten. Sie fegte ihre Sachen mit der Anmut eines panischen Waschbären in ihren Rucksack – Bleistifte kollerten über den Taschenboden, das Tabletkabel verhedderte sich – und floh auf die Straße, wobei sie ihren ungetrunkenen, langsam abkühlenden Latte auf dem Tisch zurückließ.

Die frische Luft half nicht. Die Scham brannte in ihrem Inneren wie Ätzlauge.

Den Rest des Tages verbrachte sie in einem Zustand stiller Qualen. Sie war erwischt worden. Schlimmer noch, sie war von ihm erwischt worden. Jago. Der Mann der Ordnung, der Kontrolle, dessen Entwürfe so makellos waren wie seine Anzüge. Er hatte ihre kleine, dumme, kindische Täuschung durchschaut. Er hatte eine Frau gesehen, die mit ausgeschalteten Kopfhörern mitten in der Stadt sitzt, weil sie Angst vor der Realität hat.

Und er hatte sie beim Namen genannt. Ellies Kopfhörer. Was für ein idiotisches, unverzeihliches Versäumnis. Sie hatte sie vor einem Jahr so benannt, als sie sie gekauft hatte, und es völlig vergessen.

Ihre Wohnung, abends gewöhnlich ihre Zuflucht, fühlte sich nun wie ein Gefängnis an. Die Stille hier war anders. Im Café war die Stille der Kopfhörer ein Schutzwall gewesen. Hier, zu Hause, war die Stille leer, schrill und erfüllt von ihren eigenen selbstkritischen Gedanken.

Sie versuchte zu arbeiten. Sie saß am Küchentisch und schlug ihr Skizzenbuch auf. Doch Liam und Nino weigerten sich, zum Leben zu erwachen. Du versteckst dich, flüsterte eine innere Stimme, die verdächtig nach Julians klang. Was für ein Feigling. Kann nicht einmal den normalen Lärm eines Cafés ertragen. Kein Wunder, dass du allein bist. Du nennst sogar deine Kopfhörer so, damit irgendjemand, egal wer, deinen Namen kennt.

Sie hasste ihn. Sie hasste ihn dafür, dass er ihre Grenzen verletzt hatte. Aber noch mehr hasste sie ihn dafür, dass er recht hatte.

Am nächsten Morgen, es war Dienstag, brach Ellie mit ihrem heiligen Ritual. Sie ging nicht ins The Rustling Page.

Sie entschied, dass sie auch von zu Hause aus arbeiten konnte. Schließlich war sie Freelancerin; sie brauchte kein Büro. Es war eine Katastrophe. Sie kochte Kaffee in ihrer alten Kupferkanne. Er schmeckte bitter, mit Kaffeesatz zwischen den Zähnen, ganz und gar nicht wie Mayas samtige Lattes. Sie versuchte, es sich auf dem Sofa gemütlich zu machen. Nach zwanzig Minuten tat ihr der Rücken weh. Sie zog an den Küchentisch um. Das Licht fiel falsch und warf den Schatten ihrer Hand auf das Papier. Aber das Schlimmste waren die Geräusche. Der Kühlschrank brummte wie ein startendes Flugzeug. Der Aufzug im Flur quietschte. Der Nachbar von oben beschloss, um zehn Uhr morgens zu staubsaugen.

Ohne ihren „Raumanzug“, ohne das vertraute weiße Rauschen des Cafés, fühlte Ellie sich schutzlos. Jedes Geräusch kratzte an ihren Nerven, unterbrach ihren Gedankengang und hinderte sie daran, in die Welt ihres Buches einzutauchen. Bis Dienstagabend hatte sie keine einzige ordentliche Linie gezeichnet. Die Seite blieb unberührt weiß, abgesehen von den Schmierstellen einer wegradierten Skizze.

Am Mittwoch gab sie auf. Sie hatte Deadlines. Der Verlag wartete auf die Skizzen. Sie konnte nicht zulassen, dass ihr Stolz und ihre Scham ihre Karriere zerstörten. Sie brauchte ihren sicheren Ort. Sie brauchte das Koffein, den Geruch von Büchern und diesen Tisch. Selbst wenn der Ort nicht mehr sicher war.

Sie näherte sich den Türen des The Rustling Page um 8:10 Uhr und fühlte sich, als würde sie zum Schafott gehen. Ihr Herz hämmerte irgendwo in ihrem Hals, ihre Handflächen waren so feucht, dass sie Angst hatte, ihr Handy fallen zu lassen.

Sie stieß die Tür auf. Das Glöckchen bimmelte – ein Geräusch, bei dem sie am liebsten den Kopf eingezogen hätte.

Er war da. An seinem angestammten Platz. Am großen quadratischen Tisch am Fenster. Sie erstarrte am Eingang und umklammerte den Riemen ihres Rucksacks. Er blickte auf. Ihre Augen trafen sich quer durch den Raum. Es dauerte vielleicht nur den Bruchteil einer Sekunde, aber für Ellie fühlte es sich wie eine Ewigkeit an. Er lächelte nicht. Aber er runzelte auch nicht die Stirn. In seinem Blick lag nichts von der Genervtheit des gestrigen Tages. Er sah sie einfach nur an. Ruhig, stetig. Und kehrte dann zu seinen Entwürfen zurück.

Ellie atmete einen Atemzug aus, den sie gefühlt die ganze Zeit angehalten hatte. Er würde keine Szene machen. Er würde sie nicht auslachen. Sie bestellte schnell ihren Kaffee, wobei sie versuchte, nicht zum Fenster zu sehen, und trottete wie ein geprügelter Hund... nein, nicht zum Fenstertisch. Das würde sie nicht wagen. Sie ging zu ihrem Ersatztisch beim Fikus. Gott sei Dank war er frei.

Sie setzte sich und spürte, wie sich der vertraute, unbequeme Stuhl in ihren Rücken drückte. Es war eine Erleichterung. Sie befand sich auf ihrem Territorium. Zwischen ihr und Jago lagen drei Tischreihen, ein Fikus und ein Bücherregal. Barrikaden.

Sie holte ihr Skizzenbuch heraus. Holte ihre Bleistifte heraus. Ihre Kopfhörer holte sie nicht heraus. Sie blieben ganz unten in ihrem Rucksack, wie Beweisstücke eines Verbrechens. Heute würde sie ohne sie dasitzen. Sie würde den Lärm ertragen. Sie würde beweisen (wem? ihm? sich selbst?), dass sie sich nicht versteckte.

Es war eine Tortur. Sie hörte jedes Geräusch. Das Klappern eines Löffels gegen eine Tasse am Nachbartisch klang wie ein Gong. Das Lachen eines Mädchens am Eingang schnitt ihr in den Ohren. Aber am meisten lenkte sie das Wissen ab, dass er da war. Sie spürte seine Anwesenheit im Rücken. Sie wusste, dass er wusste, dass sie da war. Sie wusste, dass er wusste, dass sie ohne Kopfhörer da war.

Eine Stunde verging. Zwei. Sie fertigte drei Skizzen an. Alle drei waren schrecklich. Die Linien waren ruckartig, unsicher. Nino sah nicht wie ein süßer Vulkan aus, sondern wie ein Haufen Steine. Sie radierte alles wieder weg und hinterließ nur schmutzig-graue Schlieren auf dem Papier.

Um 10:30 Uhr bemerkte sie eine Bewegung aus dem Augenwinkel. Er stand auf. Ellie spannte sich an und vergrub ihre Nase in ihrem Skizzenbuch, während sie vorgab, von der Textur des Papiers fasziniert zu sein. Jago zog seinen dunklen Mantel an. Ordentlich und mit seiner üblichen Pedanterie rollte er seine Entwürfe zusammen und verstaute sie in einer schwarzen Kunststoffrolle. Er hängte sich seine Tasche über die Schulter. Er sah nicht in ihre Richtung. Er ging einfach vorbei, bezahlte beim Barista mit einem Nicken und verschwand hinter der Glastür.

Ellie spürte, wie ihre Schultern sanken. Erleichterung überflutete sie wie eine warme Welle, doch dann wurde sie zu ihrer Überraschung von etwas anderem abgelöst... etwas Seltsamem. Enttäuschung? Leere? Was hast du erwartet?, fragte sie sich. Dass er rüberkommt und sagt: „Hi Ellie, coole Kopfhörer“? Idiot.

Sie saß noch eine weitere Stunde da, aber die Arbeit wollte nicht fließen. Völlig besiegt und ausgelaugt begann sie, ihre Sachen zu packen. Der Tag war verloren. Sie hängte sich den Rucksack über die Schulter und ging zum Tresen, um ihren leeren Becher zurückzugeben.

„Ähm, entschuldige...“ Mayas Stimme hielt sie auf. Ellie drehte sich um. Die Barista sah sie mit milder Neugier und einem seltsamen, sanften Lächeln an. „Ellie, richtig?“ Ellie nickte überrascht. Sie hatte Maya nie ihren Namen verraten. „Der Typ... der am Fenster saß... Jago.“ Ellies Herz setzte einen Schlag aus. „Ja?“ „Er hat mich gebeten, dir das hier zu geben.“ Maya griff unter den Tresen. „Er sagte, ich soll es dir erst geben, wenn er weg ist.“

Maya reichte ihr eine Serviette. Es war nicht die übliche, dünne Serviette aus dem Spender, die bei der kleinsten Berührung reißt. Es war eine dicke, teure, cremefarbene Papierserviette, wie man sie zu Desserts serviert bekommt. Sie war ordentlich, perfekt in Viertel gefaltet.

Ellie nahm sie entgegen. Das Papier fühlte sich weich an. Ihre Hände zitterten verräterisch, als sie sie auseinanderfaltete.

Im Inneren standen, mit schwarzem Gelstift in einer stetigen, makellosen Architektenschrift geschrieben – lauter Großbuchstaben, unverbunden, von perfekt gleichmäßiger Höhe – nur drei Zeilen.

ES TUT MIR LEID. ES WAR EIN VERSEHEN. DEIN GEHEIMNIS IST BEI MIR SICHER. —J

Ellie las die Notiz. Einmal. Zweimal. Ein drittes Mal. Die Buchstaben verschwammen vor ihren Augen. Er hatte sich entschuldigt. Er lachte sie nicht aus. Er hielt sie nicht für verrückt. Dein Geheimnis ist sicher. Er verstand. Er verstand, dass es ein Geheimnis war, und er versprach, es zu bewahren.

Sie blickte von der Serviette auf. Maya war bereits wieder mit einem anderen Kunden beschäftigt. Ellie sah zu dem leeren Tisch am Fenster, an dem Jago vor einer Stunde noch gesessen hatte. Vorsichtig faltete sie die Serviette entlang der alten Knicke wieder zusammen. Sie warf sie nicht weg. Sie öffnete ihr Skizzenbuch und schob sie wie ein kostbares Lesezeichen zwischen die Seiten.

Zum ersten Mal seit zwei Tagen war sie in der Lage, einen tiefen, normalen Atemzug zu nehmen.

Kapitel 2 ist bereit

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