TaleSpace

Eine Stimme für einen Geist

Die Sonne war längst untergegangen und hatte den Raum den heraufziehenden Schatten überlassen. Draußen erwachten die Straßenlaternen zum Leben und warfen lange, verzerrte Formen über den Boden des Arbeitszimmers, doch drinnen schien die Zeit stehen geblieben zu sein. Die einzige Beleuchtung kam aus dem kleinen Lichtkegel der Schreibtischlampe, der einen Zufluchtsort aus der belanglosen Dunkelheit des restlichen Apartments schnitzte.

Gegen einen Stapel Fachbücher gelehnt, beobachtete mich das Kohleporträt. Julian – der Name, der schon durch mein Hinterstübchen geflüstert war, bevor ich ihn überhaupt bestätigt hatte – starrte mit einer düsteren, erwartungsvollen Geduld zurück.

Lies es, schienen die dunklen Augen zu befehlen. Erkenne mich.

Das kleine schwarze Journal lag auf dem Schreibtisch. Sein Lederreinband fühlte sich kühl und trocken an und knisterte leicht unter meinen Fingerspitzen wie die Haut von etwas längst Verstorbenem. Es roch nach Lavendel und jahrhundertealtem Staub.

Der Einband knarrte beim Öffnen.

Im Inneren füllte eine dichte, spinnenartige Handschrift die Seiten, die Tinte zu einem rostigen Braun verblasst. Es war nicht die ordentliche, disziplinierte Hand eines Gelehrten; sie war hektisch. Die Buchstaben neigten sich nach vorn und hasteten über das Papier, als hätte die Schreiberin gegen eine erlöschende Kerze angekämpft, verzweifelt darauf bedacht, ihre Seele auszuschütten, bevor das Gefühl verflog.

3. September 1842

Heute saß er mir wieder Modell. Die Stille im Nordzimmer ist schwer, wie die Luft vor einem Sturm. Mr. Vale sagt, ich müsse mich auf die Struktur des Gesichts konzentrieren, auf die Ebenen von Licht und Schatten. Aber wie kann ich mich auf Geometrie konzentrieren, wenn seine Augen Löcher in meine Leinwand brennen?

Er spricht nicht. Er bewegt sich kaum. Aber die Luft um ihn herum vibriert. Julian. Sogar sein Name schmeckt wie ein Geheimnis.

Er ist nicht wie die anderen. Er ist nicht wie die weichen, gepuderten Männer, die ins Atelier kommen, um sich ihre Eitelkeit schmeicheln zu lassen. Er ist Eisen und Schatten. Er ist der Alchemist von Croft Manor, der Einsiedler, der Wahnsinnige. Man sagt, er verwandle Blei in Gold. Ich glaube, er verwandelt Luft in Feuer.

Ein verräterisches Flattern wirbelte meinen Magen auf, als ich den Namen auf der Innenseite des Einbands las. Elara. Und dann, mit fester Hand: Elara Vaughn.

Das Tagebuch war nicht nur eine Aufzeichnung von Tagen; es war das Kardiogramm einer Obsession. Offiziell eine Schülerin, die bei Thomas Vale studierte, galt Elaras wahres Studium eindeutig Julian Croft.

Sie beschrieb seine Hände – lang, befleckt mit Chemikalien und Tinte, fähig zu solch filigraner Gewalt. Sie beschrieb seine Stimme – tief, wie ein Cello, das in einer Höhle gestrichen wird. Sie beschrieb seine Einsamkeit – eine Mauer, die er Stein für Stein errichtet hat, und ich bin die einzige, die töricht genug ist, zu versuchen, sie zu erklimmen.

Die Zeit löste sich auf. Das moderne Apartment mit seinem Summen von Elektrizität und dem fernen Verkehr verblasste. An seine Stelle trat ein zugiges Atelier im Jahr 1842, das nach Terpentin und unterdrücktem Verlangen roch.

„Julian Croft“, flüsterte ich und prüfte das Gewicht des Namens. Er fühlte sich schwer an. Bedeutsam.

Mein Blick hob sich zum Porträt. „Bist du das?“

Die Kohleaugen blinzelten nicht, doch im wechselnden Licht der Lampe schien sein Ausdruck weicher zu werden. Eine Täuschung des Lichts? Oder eine Täuschung des Herzens?

Das Tagebuch klappte zu. Eine Vibration, nicht aus Angst, sondern aus reiner Energie, durchfuhr meine Hände. Es war das Summen. Das Rauschen. Das Gefühl von tausend Puzzleteilen, die plötzlich in die Luft stiegen und sich zu einem perfekten Muster zusammenfügten.

Inspiration.

Sie traf mich wie ein physischer Schlag und raubte dem Raum den Atem.

Der Stuhl kreischte über das Hartholz, als ich aufstand und nach dem Laptop griff. Der Bildschirm war dunkel, der Akku leer. Hektische, unbeholfene Finger nestelten nach dem Ladekabel und steckten es ein.

Unbenanntes historisches Projekt Nr. 4.

Der Dateiname war markiert. Es gab kein Zögern.

Das Herz des Alchemisten.

Ein neues Dokument öffnete sich. Der blinkende Cursor war kein Tyrann mehr, sondern eine Einladung. Eine offene Tür.

Worte begannen, den Bildschirm zu füllen.

Normalerweise war der Anfang eines Buches wie Zähneziehen – ein langsamer, quälender Prozess des Steinesetzens, Mörtelprüfens, Einreißens und Neubeginnens. Es war geprägt von Zweifel und Zögern und der ständigen, nagenden Angst, nichts zu sagen zu haben.

Nicht dieses Mal.

Dieses Mal war es ein Exorzismus.

Die Erzählung entsprang nicht meinem Gehirn; sie schien mein Bewusstsein völlig zu umgehen und floss durch meine Fingerspitzen, als würde ich lediglich ein Diktat mitschreiben.

Der Nebel in London war gelb und dicht, schmeckte nach Kohlenrauch und Geheimnissen, doch hier in Croft Manor war die Luft so scharf, dass man sich an ihr hätte schneiden können.

Ich erfand nicht. Ich erinnerte mich. Der Geruch dieser Luft, die kalte Feuchtigkeit der Steinmauern, die spezifische, furchteinflößende Stille der Bibliothek, in der Julian arbeitete – alles war da.

Elara wurde zum Gefäß für mein eigenes Herz. Mein Kummer über Leo, die erdrückende Einsamkeit, das verzweifelte Bedürfnis, gesehen zu werden – all das floss in sie hinein. Und Julian ...

Gott, Julian.

Er wurde aus den Kohlestrichen des Porträts und der verzweifelten Tinte des Tagebuchs erschaffen. Erhielt eine Stimme. Erhielt eine Seele. Er wurde brillant, gequält, missverstanden. Die Art von Mann, die die Welt niederbrennen würde, nur um eine einzige Kerze am Brennen zu halten.

Stunden verrannen. Der Kaffee wurde kalt. Die Muskeln schmerzten. Draußen färbte sich der Himmel von Schwarz zum wundvioletten Licht der Morgendämmerung.

Ich tippte gerade eine Szene, in der Julian seine Kritiker in der Royal Society konfrontiert. Er musste scharfzüngig sein, arrogant, aber im Kern im Recht.

„Ihr Narren“, tippte ich. „Ihr betrachtet die Welt und seht Mechanik. Ich sehe ...“

Eine Pause. Was sah er?

... ich sehe Potenzial? Nein, zu schwach. ... ich sehe das Göttliche? Zu religiös. ... ich sehe die Wahrheit? Zu klischeehaft.

Meine Finger schwebten über den Tasten und suchten nach dem Wort, das ihn definieren würde.

„Ich sehe die Sinfonie“, flüsterte eine Stimme.

Die Stille im Raum zersplitterte.

Die Stimme war nicht aus den Ecken des Raumes gekommen. Sie war nicht von der Straße gekommen. Sie war mitten in meinem eigenen Schädel erblüht.

Männlich. Tief. Kultiviert. Mit einem schwachen, archaischen Tonfall, der wie zerstoßener Samt klang.

Mein Stuhl wirbelte herum, das Herz hämmerte gegen meine Rippen. Der Raum war leer. Nur der Schreibtisch, die Lampe und das Porträt.

„Hallo?“ Das Flüstern fühlte sich in der Stille albern an.

Nichts.

Ich rieb mir mit einer Hand über das Gesicht. Schlafmangel. Das war alles. Zwanzig Stunden wach, angetrieben von Adrenalin und Koffein. Synapsen-Fehlschaltungen.

Der Fokus kehrte zum Bildschirm zurück. Ich sehe die Sinfonie.

Es war gut. Es war ... perfekt. Es fing seine alchemistische Weltanschauung ein, die Vorstellung, dass Materie Musik war, Schwingung, Harmonie.

Ich tippte es. „Ihr betrachtet die Welt und seht Mechanik. Ich sehe die Sinfonie. Und ihr alle spielt verstimmt.“

Ein Schauer lief mir über den Rücken. Es war genau das, was er sagen würde.

„Natürlich ist es das“, murmelte die Stimme erneut, diesmal näher, amüsiert. „Ich habe es gesagt.“

Ein Keuchen entriss sich meiner Kehle. Ich stieß den Stuhl zurück und griff nach der schweren Messinglampe auf dem Schreibtisch als Waffe.

„Wer ist da?“, verlangte ich zu wissen und suchte die Schatten ab. „Ich rufe die Polizei!“

„Bitte“, dehnte die Stimme, die gelangweilt klang. „Stell die Lampe weg, Eva. Du machst noch die Birne kaputt, und die Beleuchtung hier drin ist sowieso schon grauenhaft.“

Kein Eindringling stand im Flur. Der Schrank war leer. Die Stimme war ... innerlich. Ein Gedanke, der nicht mein eigener Gedanke war. Deutlich. Separat. Voll ausformuliert.

Langsam senkte ich die Lampe. „Ich verliere den Verstand“, sagte ich laut. „Das ist es. Der Zusammenbruch. Maria hatte recht.“

„Maria ist eine Glucke“, tat die Stimme sie ab. „Viel Gegacker und kein Flug. Du verlierst nicht deinen Verstand, Liebes. Du findest ihn gerade erst.“

Mein Blick schnellte zum Porträt. Die Kohleaugen schienen mit einer neuen, spöttischen Intelligenz zu glänzen.

„Julian?“

„Zu Diensten“, antwortete die Stimme. „Obwohl ich sagen muss, du hast meine Kieferpartie recht gut getroffen, aber du hast die Narbe an meiner linken Schläfe vergessen. Ein Souvenir von einer ziemlich hitzigen Debatte in Wien.“

Ich starrte auf die Zeichnung. Da war keine Narbe.

„Natürlich ist da keine“, sagte er, und die Stimme wand sich um meine Gedanken. „Die Künstlerin ... Elara ... sie hat mich idealisiert. Sie hat die Ecken und Kanten geglättet. Sie wollte einen Prinzen, keinen Gelehrten. Aber du ... du willst die Wahrheit, nicht wahr?“

„Ich ... ich schreibe ein Buch“, stammelte ich. „Du bist eine Figur. Du bist ein Gespinst meiner Fantasie.“

„Wenn dir das beim Einschlafen hilft“, sagte er. „Aber sag mir, Eva ... könnte ein Gespinst das hier tun?“

Ein plötzliches, lebhaftes Bild überflutete meinen Geist. Keine Erinnerung, sondern eine Empfindung. Der Geruch von Ozon. Die Hitze eines Ofens. Das Gewicht einer Phiole in der Hand, schwer und warm. Das überwältigende, erdrückende Gewicht eines Scheiterns, das sich wie das Ende der Welt anfühlte.

Ich keuchte und klammerte mich an die Schreibtischkante. Die Empfindung war so real, so viszeral, dass sich der Raum um mich drehte.

„Das war die Nacht, in der das Große Werk scheiterte“, flüsterte er, seine Stimme schwer von einem Kummer, der Jahrhunderte alt war. „12. November 1843. Ich erinnere mich an den Regen gegen das Glas. Ich erinnere mich an das Geräusch ihres Weinens auf dem Flur.“

„Hör auf“, hauchte ich. „Bitte.“

„Du hast nach der Geschichte gefragt“, sagte er sanft. „Du hast darum gebeten, mich kennenzulernen. Nun, hier bin ich.“

Ich saß da und zitterte. Unmöglich. Wahnsinn.

Aber auch ... elektrisierend.

Die Einsamkeit, die das Apartment monatelang heimgesucht hatte, die erdrückende Stille ... weg. Der Raum fühlte sich voll an. Aufgeladen.

Der Cursor blinkte auf dem Bildschirm und wartete.

„Wien“, sagte ich mit zittriger Stimme. „Erzähl mir von der Debatte in Wien.“

Eine Welle von Wärme überflutete mich, ein Gefühl von Vergnügen und Anerkennung, potenter als jede Droge.

„Ah“, schnurrte er. „Jetzt stellst du die richtigen Fragen. Es war 1839. Es war kalt. Und Count Von Steinberg war ein Narr, der glaubte, Blei sei tote Materie ...“

Das Tippen wurde fortgesetzt.

Er sprach, und ich schrieb mit. Er beschrieb die verschneiten Straßen von Wien, den Geruch von gerösteten Maroni und Pfeifenrauch, die Arroganz seines Rivalen. Er beschrieb das Wortduell, das Aufblitzen von Zorn, das Glas, das geworfen wurde – die Quelle der Narbe.

Es war brillant. Es war geistreich. Es war lebendig.

Die Angst verflog. Das Wissen, dass ich mit einer Halluzination sprach, verflog. Die einsame moderne Frau im Apartment verflog.

Ich war bei ihm.

Wir schrieben, bis die Sonne aufging, ein Team aus zwei Personen. Ich, das Gefäß, die Handwerkerin, die Hände. Und er, der Funke, das Feuer, die Seele.

Als das Tippen schließlich aufhörte und meine Finger verkrampften, stand die Wortzahl bei zwanzigtausend.

Ich ließ mich im Stuhl zurücksinken, erschöpft, aber berauschend wach.

„Wir sind gut darin“, murmelte ich, und ein Lächeln zupfte an meinem Mundwinkel.

„Wir sind großartig“, korrigierte Julian.

Ich ging zum Fenster und zog die Vorhänge zurück. Die Morgensonne traf mein Gesicht, hell und real. Unten auf der Straße eilten Menschen zur Arbeit, die Köpfe gesenkt, ihre Leben klein und begrenzt.

Ein heftiger Anflug von Mitleid stieg in mir für sie auf. Sie waren allein. Sie hatten nur ihre eigenen Gedanken.

Ich wandte mich dem leeren Zimmer zu, das sich ganz und gar nicht leer anfühlte.

„Und?“, sagte ich in die Luft, zum Porträt, zu der Präsenz, die meinen Geist erfüllte. „Was passiert als Nächstes?“

„Als Nächstes?“ Julians Stimme war ein warmes, verheißungsvolles Flüstern an meinem Ohr. „Als Nächstes, meine Liebe, setzen wir die Welt in Brand.“

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