Ein echtes Lächeln bricht schließlich durch die Maske. Die Anspannung weicht aus meinen Muskeln wie schmutziges Wasser, das in einem Abfluss wirbelt, und hinterlässt eine leichte, dumpfe Erschöpfung. Der Name ist Grace Miller. Der Ort ist mein Zuhause. Die Gefahr ist gebannt.
Leos Lieblingstasse, die rote aus Plastik mit der verblassten Giraffe, steht auf der Anrichte. Apfelsaft ergießt sich in einem goldenen, bernsteinfarbenen Strom, der süße Duft erfüllt die kleine Küche und vertreibt den metallischen Beigeschmack der Angst, der noch vor wenigen Minuten meine Zunge überzogen hatte.
"Ich komme, sweetie!" Die Stimme ist fest. Beinahe fröhlich.
Als Antwort bietet das Wohnzimmer das Geräusch von konzentriertem, rhythmischem Atmen und ein weiteres chaotisches Krachen von Holzklötzen. Der Turm ist wieder eingestürzt.
Ein Kichern entweicht meinen Lippen. Es fühlt sich gut an. Normal.
Ich drehe mich zum Schrank um und greife nach einem Glas für mich selbst. Etwas Kaltes. Etwas, um den Phantomgeschmack von Adrenalin wegzuspülen. Mein Blick wandert am Waschbecken vorbei zu dem kleinen, quadratischen Fenster über dem Wasserhahn.
Es geht hinaus zur hinteren Gasse. Normalerweise bietet es nichts als einen Blick auf die graue, moosglatte Backsteinmauer der gegenüberliegenden Metzgerei, überquellende Müllcontainer und ständig nassen Kies. Es ist die unglamouröse, vergessene Rückseite der Stadt.
Doch heute ist der Ausblick anders.
Das Glas entgleitet mir.
Die Schwerkraft übernimmt das Kommando, noch bevor der Verstand den Fehler registrieren kann. Es prallt mit einem heftigen Schlag auf das Linoleum und explodiert in tausend glitzernde Scherben. Apfelsaft spritzt auf meine Jeans, kalt und klebrig. Eine winzige Scherbe ritzt meinen Knöchel, ein scharfer Stich, den ich kaum wahrnehme.
Weil mein Körper zu Eis erstarrt ist.
Er ist da.
Nicht in einem Auto. Nicht umgeben von einer Phalanx aus Bodyguards. Nur er.
Er lehnt lässig an der nassen Backsteinmauer der Metzgerei, als hätte er dort stundenlang gewartet. Eine Hand ist in die Tasche seiner perfekt geschnittenen schwarzen Hose geschoben. Sein schwarzes Hemd ist am Kragen aufgeknöpft und entblößt seinen Hals der Kälte, und ein teurer schwarzer Wollmantel hängt offen, schwer vom Regen.
Er starrt direkt zum Fenster. Direkt mich an.
Das ist kein Zufall. Das ist kein Tourist, der einen Stadtplan prüft. Das ist keine Paranoia.
Das ist Dante Rinaldi.
Die Zeit zersplittert. Das Geräusch von Leos Geplapper im Wohnzimmer geht weiter, aber es klingt meilenweit entfernt, wie unter Wasser. Die einzige Realität ist der Mann in der Gasse.
Er ist anders. Drei Jahre haben ihn nicht weicher gemacht; sie haben ihn geschärft. Er war schon immer groß, schon immer mächtig, er strahlte eine gefährliche Art von Gravitas aus. Aber jetzt wohnt ihm eine raubtierhafte Stille inne, die neu ist. Seine Schultern wirken breiter, seine Kieferpartie markanter, wie aus Granit gemeißelt. Er sieht nicht mehr aus wie ein rücksichtsloser Erbe. Er sieht aus wie ein king, der alles auf seinem Weg erobert hat.
Und er wirkt härter. Kälter.
Der Regen peitscht sein dunkles Haar aus dem Gesicht nach hinten, Wasser läuft ihm über die Stirn, aber er blinzelt nicht. Er wischt es nicht weg. Sein Blick ist eine physische Last, die mich an Ort und Stelle festnagelt.
Eine Narbe.
Eine neue, dünne weiße Linie schneidet durch seine linke Augenbraue und verschwindet in seiner Schläfe. Sie beeinträchtigt die umwerfende Perfektion seines Gesichts nicht. Sie ruiniert sie auf die schönste, schrecklichste Weise, die möglich ist, und lässt ihn tödlich wirken. Asymmetrisch. Gebrochen.
Seine Augen. Gott, diese Augen. Erinnerungen liefern Bilder von ihnen, wie sie lachten, in dunklem Feuer brannten, weicher wurden, wenn er meinen Namen flüsterte. Jetzt, auf der anderen Seite der regennassen Gasse, sind sie zwei leere, abgrundtiefe Abgründe. In ihnen liegt keine Überraschung. Kein Schock darüber, einen Geist gefunden zu haben.
Da ist nur Triumph.
Er wusste es. Er ist nicht zufällig auf dieses Apartment gestoßen. Er wusste genau, in welches Fenster er schauen musste. Er hat nicht gesucht. Er hat gewartet.
Das Blut weicht aus meinem Gesicht und mir wird schwindlig. Ein Stolpern rückwärts lässt einen Schuh auf zerbrochenem Glas knirschen.
"Nein. Nein, nein, nein, nein."
Eine Hand schnellt zu meinem Mund und erstickt den Schrei, der sich aus meiner Brust nach oben kämpft.
Er sieht mich. Er ist hier.
Das Gehirn setzt aus, versucht verzweifelt, das Unmögliche zu verarbeiten. Weglaufen? Wohin? Das Apartment ist ein Kasten. Schreien? Der Regen übertönt alles.
Die Schlösser.
Der Gedanke ist ein Rettungsanker. Die Türen sind verschlossen.
Die Augen in seine verkrallt, mache ich einen weiteren Schritt zurück. Die Sicherheit liegt in den Riegeln. Die Haustür ist durch einen schweren Riegel und die Messingkette gesichert. Sie ist unbezwingbar. Er kommt nicht rein. Er ist nur ein Mann, der in einer Gasse steht.
Dante bewegt sich.
Ein Lächeln, grausam und leicht, kräuselt seinen Mundwinkel. Eine Anerkennung. Ich sehe dich, Eliza.
Er weiß, dass ich in der Falle sitze.
Langsam, mit einer erschreckenden, trägen Anmut, stößt er seine Schulter von der Backsteinmauer ab. Er zieht seine Hand aus der Tasche.
Panik explodiert.
"Leo," das Flüstern ist rau, verzweifelt. "Leo, komm zu Mama..."
Ich muss ihn schnappen. Wir müssen uns verstecken. Das Badezimmer? Es hat ein Schloss. Ein schwaches, aber es ist etwas.
Dante macht einen Schritt. Er dreht sich vom Fenster weg und bewegt sich aus dem Bild.
Er verschwindet aus dem Blickfeld.
Er geht um das Haus herum.
Die Erkenntnis trifft mich wie ein physischer Schlag. Er verlässt die Gasse. Er geht zur Straßenseite. Zum Haupteingang.
Die Haustür.
Er geht zur Haustür.
Die Logik schreit durch den Terror hindurch. Es ist der einzige Weg hinein. Er muss um den Block gehen, um zum Seiteneingang zu gelangen, die Treppe hochkommen und es an der Haupttür versuchen.
Die Haupttür hat die Kette.
Dieser Gedanke ist das Einzige, was mich aufrecht hält. Das Schloss kann vielleicht geknackt werden. Aber die Kette? Die Kette ist manuell. Sie ist aus massivem Messing. Er kann sie von außen nicht öffnen. Das verschafft Zeit. Zeit, die Polizei zu rufen. Zeit, zu schreien.
Ich wirbele herum, verlasse die Küche, lasse das Glasscherben-Chaos hinter mir.
"Mama, Aua?" Leo steht im Türrahmen, die Augen weit aufgerissen, und zeigt auf das Blut an meinem Knöchel.
"Es ist okay, baby," die Lüge zittert heftig. "Geh in dein Zimmer. Jetzt. Geh."
Ich warte nicht auf ihn. Ich sprinte den kurzen Flur zur Haustür entlang.
Ich werfe mein Gewicht dagegen und überprüfe die Schlösser, die ich erst vor wenigen Minuten gesichert habe.
Riegel: Vorgelegt. Kette: Eingehängt.
Der Atem kommt in stoßweisen, schmerzhaften Zügen. Ich presse mein Ohr an das schwere Holz der Tür und lausche. Lausche auf Schritte auf der Treppe. Lausche auf das schwere Auftreten von teuren Schuhen auf dem Treppenabsatz.
Stille.
Just der Regen draußen und das Rauschen des Blutes in meinen Ohren.
Er kommt. Er geht um das Haus herum. Er wird in einer Minute hier sein.
Meine Hand schwebt über der Kette und stellt sicher, dass sie tief in der Schiene sitzt. Meine einzige Verteidigung. Meine Mauer.
Komm schon, Dante. Versuch es. Du kommst nicht rein.
Die Erwartung ist eine Qual. Jeder Muskel ist starr, bereit für das Geräusch einer Faust, die gegen das Holz donnert, oder das Klingeln an der Tür. Ich starre auf den Türgriff und warte darauf, dass er sich dreht.
Und dann ertönt das Geräusch.
Aber es ist kein Donnern. Es ist keine Forderung.
Es ist ein Klopfen.
Schwer. Gemessen. Unbeeilt.
KLOPF.
Ich fahre zusammen, ein heftiges Zucken, das mich fast zu Boden wirft. Die Augen fixieren das Holz vor mir.
KLOPF.
Warte.
Das Holz hat nicht vibriert. Das Geräusch kam nicht durch die Tür.
KLOPF.
Das Geräusch ist zu laut. Es ist zu klar. Und es ist hohl.
Mein Schrei stirbt in meiner Kehle und erstickt mich in einem lautlosen, würgenden Schluchzen.
Langsam drehe ich den Kopf und schaue zurück den Flur hinunter. Zurück zu dem Raum, aus dem ich gerade geflohen bin.
Das Geräusch kommt nicht aus dem Flur. Es kommt nicht von der Haustür mit ihrer Kette und ihrer Sicherheit.
Es kommt von hinter mir.
Aus der Küche.
