TaleSpace

Die Horizon-Spur

Er kam direkt auf sie zu.

Aurora blieb wie angewurzelt stehen, eine Statue im Strom der Fußgänger. Sie bekam keine Luft mehr. Die Menge auf ihrem Gehweg erwachte zum Leben, umströmte sie, während die Menschen von der anderen Seite herüberkamen. Er war unter ihnen.

Zehn Meter. Fünf. Drei.

Er kam näher. Jeder Schritt war ein Schlag gegen ihre Rippen. Der kalte Herbstwind peitschte ihr die Haare ins Gesicht, doch sie spürte es nicht. Ihr gesamtes Universum war zusammengeschrumpft auf das rhythmische Klacken seiner teuren Halbschuhe auf dem Asphalt.

Jetzt, dachte sie, während sich ein verzweifeltes Gebet in ihrem Kopf formte. Er wird mich aus der Nähe sehen. Er wird stehen bleiben. Die Entfernung hat seinen Blick nur getrübt, das ist alles. Er wird mich jetzt sehen, seine Augen werden sich weiten und er wird meinen Namen sagen.

Er ging an ihr vorbei.

Er passierte sie so nah, dass sie einen schwachen, fremden Duft von teurem Aftershave wahrnehmen konnte, vermischt mit der scharfen Frische der kalten Luft. Es war nicht der Geruch von Holzrauch und altem Fotuentwickler, den sie mit ihm verband. Es war der Duft eines Fremden.

Er ging in weniger als einem halben Meter Abstand an ihr vorbei, den Blick starr nach vorne gerichtet, ohne sie auch nur eines Blickes zu würdigen, völlig in seine eigenen Gedanken vertieft. Er zuckte nicht zusammen. Er hielt nicht inne. Er ging an ihr vorbei, als wäre sie ein Laternenpfahl, ein Stromkasten, eine Leere im Raum.

Langsam, als würde sie sich durch unsichtbaren Sirup bewegen, drehte Aurora sich um und sah ihm nach.

Er ging weg. Der Geist, Fleisch und Blut geworden, lief einfach auf ihrer Straßenseite davon und vergrößerte mit jedem selbstbewussten Schritt die Distanz zwischen ihnen. Sie hatte ihn wieder verloren. Panik, scharf und kalt, durchbohrte ihre Taubheit.

Er lebt. Er ist an mir vorbeigegangen. Er hat mich nicht erkannt.

Sie öffnete den Mund, um seinen Namen zu rufen, um ihm nachzulaufen und ihn am Arm zu packen, aber ein trockener, dorniger Kloß blockierte ihre Kehle. Ihre Stimme war im Aufprall ihrer Erwartungen gestorben.

Und in diesem Moment sah sie sie.

Eine große, elegante Frau in einem hellen Kaschmirmantel hatte ein paar Schritte vom Zebrastreifen entfernt an einem Schaufenster gewartet. Als Alex näher kam, stieß sie sich von der Wand ab, lächelte und ging auf ihn zu.

Alex ging sofort zu ihr, und sein Gesicht … Gott, sein Gesicht verwandelte sich.

Die kalte, distanzierte Maske des geschäftigen Fremden, die er beim Überqueren der Straße getragen hatte, verschwand augenblicklich. An ihre Stelle trat jenes vertraute, zärtliche, leicht nachsichtige Lächeln, das Aurora seit fünf Jahren nur noch in ihren Träumen gesehen hatte. Das Lächeln, das seine Augenwinkel in Falten legte. Das Lächeln, das einst nur ihr allein vorbehalten gewesen war.

Eine Erinnerung traf sie erbarmungslos – dasselbe Lächeln, als er sie am Flughafen abgeholt hatte, zurück von einer Solo-Reise nach Karelien, eine Woche vor jenem letzten, fatalen Aufstieg. Er war müde gewesen, unrasiert, roch nach Zugabteilen, aber er hatte sie angesehen, als wäre sie der einzige Anker in seiner chaotischen Welt. „Endlich“, hatte er damals geflüstert. „Ich bin zu Hause.“

Jetzt sah er diese Fremde mit genau demselben Ausdruck an.

Er sagte etwas zu der blonden Frau, und sie warf den Kopf in den Nacken und lachte – ein helles, fröhliches Geräusch, das sich mit dem Stadtlärm vermischte. Dann nahm er ihre Hand in seine. Er nahm sie nicht einfach nur – ihre Finger verschränkten sich, vertraut und natürlich, Handfläche an Handfläche. Es war die unbewusste, automatische Geste eines Mannes, der dies schon hundertmal getan hatte.

Diese Geste war furchteinflößender als sein leerer Blick auf der Straße.

Der leere Blick bedeutete, dass er sich nicht an sie erinnerte. Diese Geste bedeutete, dass er sie ersetzt hatte.

Die Welt, die gerade eben erst Risse bekommen hatte, zerbrach nun in Millionen scharfer Scherben. Er war nicht nur am Leben. Er war glücklich. Er ging eine sonnenbeschienene Straße entlang, hielt die Hand einer anderen Frau, und seine Augen leuchteten vor Wärme, die einst nur Aurora gehört hatte.

Ihre gesamte fünfjährige Trauer, ihre Treue, ihr Leben in einem Mausoleum aus Erinnerungen, die Nächte, in denen sie mit seinem Foto gesprochen hatte – all das erschien plötzlich wie ein hässlicher, bedeutungsloser Witz. Sie war die Witwe eines Mannes, der gar nicht tot war.

Auroras Füße setzten sich wie von selbst in Bewegung. Sie dachte nicht nach. Sie traf keine Entscheidung. Ihr Körper gehorchte einfach dem einzigen, primitiven Instinkt, der ihr geblieben war: Verliere ihn nicht aus den Augen.

Sie gingen vor ihr her, auf demselben Gehweg. Aurora, den Kopf gesenkt, den Kragen hochgezogen, um ihr Gesicht zu verbergen, begann ihnen zu folgen.

Sie hielt Abstand, versteckte sich hinter anderen Fußgängern und fühlte sich wie ein unsichtbarer Geist, der ein fremdes, erfülltes Leben ausspionierte. Die Stadt um sie herum schien sich verändert zu haben. Es war nicht mehr ihre Stadt – die Stadt der ruhigen Parks und alten Buchläden. Es war ihre. Die Schaufenster glitzerten vor Luxus, den sie sich nicht leisten konnte; neue Glasgebäude spiegelten den kalten, gleichgültigen Himmel wider. Diese scharfe, moderne, erfolgreiche Welt war ihr Lebensraum. Und sie, in ihrem alten Mantel, der nach Terpentin und Staub roch, war hier eine Fremde. Ein Fleck aus der Vergangenheit, den jemand vergessen hatte wegzuwischen.

Sie gingen einen Block weit, dann noch einen, und unterhielten sich lebhaft. Er neigte den Kopf zu der Frau und hörte aufmerksam zu, was auch immer sie sagte. Sie erzählte ihm etwas, gestikulierte mit der freien Hand, voller Energie und Leben.

Ein perfektes Paar. Erfolgreich, schön, selbstbewusst. Sie waren aus einer anderen Welt geschnitten, aus den Seiten eines Hochglanzmagazins, in dem kein Platz für Aurora und ihr gebrochenes Herz war.

Ihr Herz hämmerte einen trockenen, schmerzhaften Takt gegen ihre Rippen. Wie konntest du nur, Alex? Der Gedanke schrie in ihrem Kopf. Wie konntest du das alles aufbauen … ohne mich? Du hast nicht einmal … Sie brach den Gedanken ab. Er war tot. Für sie war er tot gewesen. Und für ihn? Offensichtlich war sie diejenige, die gestorben war. Oder schlimmer noch – sie hatte nie existiert.

Sie bogen um eine Ecke, und Aurora beschleunigte ihre Schritte, verfiel fast in den Laufschritt, aus Angst, sie könnten ein Wohnhaus betreten und für immer hinter einer verschlossenen Tür verschwinden.

Aber sie hielten nicht an einer Wohnung an. Sie blieben am Eingang eines massiven, modernen Bürogebäudes stehen, ganz aus glänzendem Glas und Stahl. Es war eines dieser seelenlosen neuen Bauwerke, die im Stadtzentrum aus dem Boden geschossen waren, während sie sich in ihrem Dachatelier verkrochen und die Tage ihrer Trauer gezählt hatte.

Alex trat vor und hielt der Frau die schwere Glastür auf. Bevor sie hineinging, drehte sie sich zu ihm um. Sie legte eine Hand auf seine Brust, sagte etwas, das ihn wieder zum Lächeln brachte, und gab ihm einen flüchtigen Kuss. Es war kein leidenschaftlicher Filmkuss. Es war ein leichter, beiläufiger, häuslicher Kuss, der von völligem Vertrauen, Intimität und einem gemeinsamen Leben sprach.

Sie gingen hinein und verschwanden in der hellen, sonnendurchfluteten Lobby, verschluckt vom goldenen Licht des Innenraums.

Aurora blieb auf demselben Gehweg stehen, ein paar Dutzend Meter vom Eingang entfernt. Die Menschen umströmten sie wie Wasser einen Stein.

Es war vorbei. Sie hatte ihn wieder verloren. Er war hinter dem Glas verschwunden, in seinem neuen, fremden Leben, und hatte sie auf dem kalten Asphalt zurückgelassen.

Sie stand da, unfähig sich zu bewegen, zitternd vor dem Adrenalinabsturz. Die Tränen, die sie vor fünf Jahren nicht vergossen hatte, jene, die zu einer Wüste aus Taubheit vertrocknet waren, brachen sich endlich Bahn. Sie strömten über ihre Wangen, heiß und brennend, und vermischten sich mit dem Schmutz der herbstlichen Stadt.

Sie starrte das Gebäude an, das ihre Liebe verschluckt hatte, und versuchte, sich jedes Detail durch den Schleier ihrer Tränen einzuprägen. Kalt. Arrogant. Fremd.

Und dann klammerte sich ihr Blick, verschwommen von den Tränen, an das Einzige, was zählte. Das Einzige, das ihr einen Faden bot, dem sie in das Labyrinth folgen konnte.

Über dem Eingang, über den Drehtüren, bildeten große Stahlbuchstaben den Namen. Ein Wort, das alles und nichts bedeutete. Ihr einziger Hinweis in dieser zusammengebrochenen Welt.

„HORIZON.“

Kapitel 2 ist bereit

Gib deine E-Mail ein, um weiterzulesen

4.9 von 5.700+ Lesern
Hast du schon ein Konto? Anmelden