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Sabine

Sabine

Liebe & Meer 🌊

Heart's Firewall: Dunkles Verlangen

4.9(269)
Kapitel 1 · 5 Min. Lesezeit
13.1K
#DarkRomance#EnemiestoLovers#HiddenIdentity#CEORomance#SlowBurn
Ich habe mich vor der Welt weggesperrt, um in Sicherheit zu sein – nur um zu erkennen, dass der gefährlichste Mann der Stadt längst die Schlüssel zu meinem Verstand besaß.

Der 938. Tag

Die Zahlen auf dem internen Chronometer der Kapsel waren von einer spöttischen Präzision: 938 Tage, 14 Stunden, 22 Minuten.

Genau so lange war es her, dass Eve zum letzten Mal natürliche, ungefilterte Luft in ihren Lungen gespürt hatte.

Sie saß vornübergeneigt in ihrem haptischen Immersionsstuhl, dem Herzstück ihrer Festung. Capsule 3012 war ihre Welt, ihr Gefängnis und ihr Zufluchtsort zugleich. Es waren zwanzig Quadratmeter steriler, klimatisierter Raum, die prekär im dreißigsten Stock des Helios Tower thronten. Hinter dem dreifach verstärkten Polystahlfenster – das sie permanent auf undurchdringliches Schwarz polarisiert hielt – lebte Neo-Kyoto im Jahr 2077 sein fieberhaftes, neongetränktes Leben.

Eve wusste, was da unten vor sich ging. Sie musste nicht hinsehen. Sie hatte genug in den Archivaufnahmen der Drohnen und den ständigen, scrollenden Newsfeeds gesehen, die auf ihre Netzhaut projiziert wurden. Sie wusste um den ewigen sauren Regen, der die Straßen mit einem öligen Glanz überzog. Sie wusste um die Menschenmengen – diesen furchterregenden, gesichtslosen Strom aus Menschlichkeit, der die Avenuen verstopfte, Millionen von Menschen, die sich unter dem flackernden Licht holografischer Regenschirme aneinanderpressten. Sie wusste um die Spinner, die den orangen Smog wie Haie in schmutzigem Wasser durchschnitten.

Und sie wusste um die Werbung. Gebäudegroße holografische Geishas und Drachen, die ewige Jugend, neurales Glück und Flucht versprachen. Alles präsentiert von Elysium – ihrem Arbeitgeber.

Eve justierte das haptische Feedback ihrer Handschuhe. Auf dem Bildschirm vor ihr wurde das Drahtgittermodell einer toskanischen Villa gerendert. Sie baute nicht bloß ein Haus; sie webte eine Empfindung. Sie veränderte den Code für die Variable "sunlight" und erhöhte die Wärme auf der virtuellen Haut um 0,4 %.

"Zu heiß", murmelte sie und regelte sie herunter. "Die Kunden wollen »Toskana«, keinen »Hitzeschlag«."

Sie war Elysiums Star-"Dream Designer." Von diesem Zimmer aus, von diesem Stuhl, der sich wie eine zweite Haut an ihre Wirbelsäule schmiegte, erschuf sie ganze Universen. Sie entwarf Simulationen von Bibliotheken, die in der Schwerelosigkeit unter den Ringen des Saturn schwebten und in denen die Staubkörner aus Diamanten bestanden. Sie codierte perfekte erste Dates in Pariser Cafés, die seit fünfzig Jahren nicht mehr existierten. Die Elite der Stadt konsumierte ihre Schöpfungen wie eine Droge, verzweifelt darauf bedacht, der grausamen Realität des Sprawl zu entfliehen.

Sie war die Beste. Und Elysium zahlte ihr ein Vermögen, damit sie genau hier blieb, eingesperrt von ihren eigenen lähmenden Neurosen, und den Content am Laufen hielt.

Ihre Agoraphobie – das, was die Net-Doktoren höflich "Capsule Syndrome" nannten und was Eve privat als "The Walls" bezeichnete – war ihr Vertrag. Solange sie ein Genie war, erlaubte ihr der Konzern, eine Einsiedlerin zu sein. Sie schickten Drohnen mit Nährstoffpaketen. Sie filterten ihre Luft. Sie hielten sie in Sicherheit.

Alles war unter Kontrolle. Der Code war sauber. Die Luft war steril.

Bis zu dieser Sekunde.

Ein scharfes, gellendes Signal zerriss die Stille. Es war nicht das sanfte, melodische Läuten einer Standardbenachrichtigung. Es war ein misstönendes, mahlendes Kreischen – ein "Red Alert."

Eve schreckte auf, ihre Hand rutschte auf dem haptischen Interface ab und löschte augenblicklich einen virtuellen Weinberg. Der gesamte Raum wurde in ein pulsierendes, rhythmisches karmesinrotes Licht getaucht. Auf ihrer Hauptkonsole, die die gesamte Wand einnahm, brannten drei Worte in einer aggressiven, blockigen Schriftart:

ALL-HANDS MEETING. JETZT. TEILNAHME VERPFLICHTEND.

Das Blut wich aus ihrem Gesicht und hinterließ sie fröstelnd.

Verpflichtend.

Das Wort war ein Hammer, der das Glas ihres zerbrechlichen Ökosystems zertrümmerte. Im Konzernlexikon von Elysium bedeutete "Verpflichtend", dass es keine Wahl gab. Es bedeutete, dass ihr Remote-Status – ihre Level 3-Freigabe, die sie von der physischen Anwesenheit entband – außer Kraft gesetzt wurde.

"Nein", flüsterte sie, ihr Atem stockte. "Nein, nein, nein..."

Sie umklammerte die Armlehnen ihres Stuhls, ihre Knöchel wurden weiß, ihre Nägel gruben sich in das weiche Kunstleder. Ihr Herz hämmerte gegen ihre Rippen wie ein gefangener Vogel, hektisch und verletzend. Ein hoher Ton begann in ihren Ohren zu pfeifen und übertönte das Summen der Luftaufbereiter.

938 Tage.

Die Zahl blitzte in ihrem Kopf auf. Sie konnte es nicht tun. Sie war nicht bereit. Allein der Gedanke daran, dass sich die Tür – die versiegelte Luftschleuse, die sie vom Korridor trennte – öffnete, ließ Galle in ihrer Kehle aufsteigen. Wenn sie diesen Flur entlanggehen, in einen überfüllten Aufzug steigen, den Schweiß anderer Menschen riechen, die ungefilterte Luft der Lobby atmen müsste... sie würde sterben. Ihr Herz würde einfach aufhören zu schlagen.

Sie starrte auf die Kapseltür. Es war eine schwere Platte aus grauem Metall. Dahinter lag der Abgrund.

Der Timer auf ihrem Bildschirm begann einen Countdown. 00:30.

Panik drohte sie ganz und gar zu verschlingen. Ihr Blick verengte sich zum Tunnel. Sie zwang sich zu atmen, indem sie die Techniken anwandte, die ihr KI-Therapeut vor Jahren in ihr Gehirn heruntergeladen hatte. Vier Sekunden einatmen. Vier Sekunden halten. Vier Sekunden ausatmen.

Denk nach, Eve. Das ist Elysium. Sie sind vor allem pragmatisch. Sie würden ihr ertragreichstes Asset nicht mit Gewalt aus ihrem Arbeitsbereich zerren. Das wäre... ineffizient.

Der Timer erreichte 00:00.

Der Raum flackerte. Der aggressive Red Alert vanished, ersetzt durch das sterile, unerbittliche weiße Licht eines Videointerfaces für Firmenmeetings. Ihre gesamte Wand löste sich in ein Raster aus Dutzenden von Gesichtern auf.

Die Erleichterung war so gewaltig, so physisch spürbar, dass Eves Knie nachgaben und sie zurück in ihren Stuhl sank.

Virtuell. Dank an alle Götter des Binärcodes, es ist virtuell.

Sie beeilte sich, ihre Kamera zu aktivieren, strich ihre graue Tunika glatt und schob ihr zerzaustes braunes Haar zurück. Ihr eigenes blasses Gesicht mit den weit aufgerissenen Augen erschien in einem kleinen Kästchen in der Ecke des Rasters. Sie sah aus wie ein Geist, der eine Maschine heimsucht.

"Danke, dass Sie so kurzfristig dazugekommen sind", schnitt eine Stimme durch den Audio-Feed.

Sie gehörte Akira Tanaka, dem CEO von Elysium. Normalerweise sah Tanaka aus wie eine polierte Skulptur – tadelloser Anzug, ruhiges Auftreten, ein Lächeln, das besagte, dass alles in Ordnung ist. Heute sah er grau aus. Schweißperlen standen auf seiner Stirn, die selbst durch den hochauflösenden Stream sichtbar waren.

"Ich habe schlechte Nachrichten", sagte Tanaka mit gepresster Stimme. "Katastrophale Nachrichten. Vor drei Stunden, um 04:00 Uhr Ortszeit, gab es bei Elysium eine massive Sicherheitslücke. Jemand hat unseren Core-Quellcode für »Dream« im öffentlichen Netz geleakt."

Ein kollektiver Schock wogte durch das virtuelle Raster. Leute schnappten nach Luft. Hände wurden vor Münder geschlagen. Eve sah Marcus, ihren direkten Vorgesetzten, der in seinem Frame blass und wie kurz vor dem Erbrechen aussah.

Eve spürte, wie sich ein eisiger Knoten in ihrem Magen bildete. Der Quellcode? Das war alles. Das war die Physik des toskanischen Sonnenlichts, die Schwerkraft der Saturn-Bibliothek. Es war ihre Seele, schutzlos den Aasfressern preisgegeben.

"Dies war kein externer Angriff", fuhr Tanaka fort, seine Stimme wurde hart und brüchig. "Unsere externen Firewalls haben gehalten. Das war ein Insider-Job. Ein Verräter."

Die Panik in Eves Brust kehrte zurück, aber sie mutierte. Es war nicht mehr die Angst vor dem Draußen. Es war die Angst, beobachtet zu werden. Ihre Kapsel war keine Festung mehr; sie war ein Tatort. Jeder in diesem Raster war ein Verdächtiger. Und wer war am verdächtigsten? Die Einsiedlerin. Die Sonderlingin in Capsule 3012, die sich weigerte, ihr Gesicht im Büro zu zeigen, und vollen Remote-Root-Zugriff auf die Server hatte.

"Der Vorstand hat unseren bisherigen Head of Security abgesetzt", sagte Tanaka und wischte sich mit einem Seidentuch die Stirn ab. "Und wir haben einen neuen ernannt. Ihm wurde außerordentliche, unbegrenzte Exekutivgewalt übertragen, um die Quelle dieses Leaks zu finden. Mit allen notwendigen Mitteln."

Tanaka hielt inne und schluckte schwer. Sein Videofenster verschob sich zur Seite und verkleinerte sich, um Platz für einen neuen Feed zu machen.

"Sein Name ist Silas. Er ist bereits hier."

Ein neues Gesicht erschien auf dem Bildschirm und nahm den zentralen Platz ein.

Eve hatte ein Stereotyp erwartet. Einen verchromten Konzernsoldaten mit einem kybernetischen Kiefer oder vielleicht einen grauhaarigen Veteranen der Net Wars mit Narben und Orden.

Aber dieser Mann war... anders.

Er war jung, vielleicht zweiunddreißig. Er hatte dunkles Haar, das für die starren Konzernstandards von Neo-Kyoto eine Spur zu lang war. Er trug keine sichtbaren Implantate – keine Datenports an den Schläfen, keine Cyber-Optik. Sein schwarzes Hemd war schlicht, hochgeschlossen und frei von jeglichen Logos.

Aber seine Augen.

Sie waren wie polierter Obsidian. Kalt, leer und unglaublich scharfsinnig. Er sendete nicht aus dem Elysium-Konferenzraum. Sein Hintergrund war eine einfache, fensterlose graue Wand. Eine Zelle? Ein Bunker? Er starrte direkt in seine Kameralinse, und Eve hatte das furchtbare, irrationale Gefühl, dass er von den fünfzig Gesichtern im Raster ausschließlich sie ansah.

"Mein Name ist Silas", sagte er.

Seine Stimme war ein Bariton-Grollen, gleichmäßig und tief. Ihr fehlte das nervöse Zittern von Tanaka oder der künstliche Enthusiasmus des Marketingteams. Sie klang, als wäre sie von einer sehr teuren KI generiert worden, die jede unnötige menschliche Empathie entfernt hatte.

"Mr. Tanaka nannte dies ein »Leak«", fuhr Silas fort. "Ich nenne es eine Kriegserklärung. Mein Vorgänger war zu weich. Er arbeitete nach dem Prinzip des Vertrauens."

Silas hielt inne. Er blinzelte nicht.

"Ich vertraue niemandem."

Die Stille in der Leitung war ohrenbetäubend. Sogar das Rauschen schien den Atem anzuhalten.

"Meine Untersuchung beginnt sofort", erklärte Silas. "Ich werde nicht um Berichte bitten. Ich werde sie mir nehmen. Jedes Konto, jede Codezeile, die Sie im letzten Jahr geschrieben haben, jedes Kommunikationsprotokoll, jeder biometrische Messwert wird analysiert. Jeder Einzelne von Ihnen ist ein Verdächtiger, bis ich das Gegenteil beweise. Ich werde dieses Leak finden und es mit der Wurzel ausreißen."

Sein Blick schien über das Raster zu gleiten und die Gesichter der verängstigten Angestellten zu prüfen. Dann hielt er inne. Eve spürte, wie sich ihre Nackenhaare aufstellten.

"Es wird keine Ausnahmen geben", sagte Silas. Seine Stimme wurde leiser, intimer. Sie glitt unter ihre Haut wie eine Injektionsnadel. "Besonders... für diejenigen mit High-Level-Remote-Zugriff."

Er nannte ihren Namen nicht. Das musste er nicht. Sie war die Einzige.

"Sie werden kooperieren", schloss er. "Oder Sie werden als Hindernis betrachtet. Und ich finde Hindernisse... ineffizient. Wir sind fertig."

Die Übertragung brach ab.

Die Wand wurde schwarz. Der Red Alert war weg. Das weiße Licht war weg. Eve saß in der zurückkehrenden Düsternis ihrer Kapsel und konnte sich nicht bewegen. Ihre Hände zitterten so stark, dass sie gegen die Armlehnen vibrierten.

938 Tage lang hatte sie in Angst vor der Welt da draußen gelebt. Sie dachte, die Wände würden die Monster aussperren. Aber dieser Mann, Silas, hatte gerade bewiesen, dass wahrer Terror keine Tür brauchte. Er konnte direkt durch die Glasfaserkabel kommen.

Ihre Welt war nicht länger ihr Zufluchtsort. Sie war jetzt sein Jagdrevier. Und sie wusste mit schrecklicher Gewissheit, dass sie sein primäres Ziel war.